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Der Schinken beim Rotenturmtor

"Unter dem Tor war zur rechten Hand also zu lesen: Befind sich irgend hir ein Mann, der mit der Warheit sprechen kann: das ihm sein Heirat nicht geräen (gereue), und fürcht sich nicht für seiner ehrlichen Frauen; der mag diesen Pachen herunder hauen. - Vor sich! aber hin dem Gesichte gleich, stehen unterm Schwiebogen oben an diese Reimen:

Welche Frau ihren Mann oft reuft und schlegt,
Und ihm mit solcher kalten Laugen zweckt,
der soll den Packen lassen henckhen.
Ihr ist ein ander Kirchtag zu schencken.

Packen oder Packhen ist ein alt Teutsches Wort, welches zu unser Zeiten so viel als ein roher Schinken, oder vielmehr eine geräucherte Speck-Seite, welche unter diesem Tohr aus Holz geschnitten und gemahlet, zum steten Gedächtnis aufgehenkt; und wie die Alten sagen: Sei es um der Türkischen Belagerung dieser Stadt willen geschehen; dann da der Türke gesehen: Daß er den Einwohnern, welche sich streitbar, tapffer, Mann-und Ritterlich gehalten, auch sie mit Hunger nicht zu bezwingen vermocht: weil sie ihm dergleichen Speck-Seiten genung heraus gezeiget, sol er darauf zum Abzug veruhrsacht worden sein." (Nach Jac. Sturm)

Über den Schinken erzählte man sich, daß mehr als ein Jahrhundert vorübergegangen, ehe es ein Mann wagte, seine Ansprüche darauf geltend zu machen. Endlich erschien aber einer mit der Behauptung, daß er in seinem Hause unumschränkter Gebieter wäre und demnach mit Recht den Preis fordern könne. Der Magistrat wußte dagegen nichts einzuwenden; er bewilligte die Wegnahme und erließ dazu die nötigen Befehle. Eine große Menge Volkes versammelte sich, um das denkwürdige Schauspiel mit anzusehen. Schon war die Leiter aufgestellt, auf welcher der Mann aller Männer hinansteigen und das ominöse Denkmal früherer Zeiten als Siegestrophäe holen sollte; da weigerte er sich plötzlich, den Akt selbst zu vollführen, und bat um einen Stellvertreter, indem er hinzufügte: "Ich habe, um als Sieger würdig zu erscheinen, meine besten Kleider angezogen; wie leicht sind sie beschmutzt, und ich werde darüber zu Hause von meiner Frau tüchtig gescholten." - Das versammelte Volk brach nun in ein schallendes Gelächter aus, der unumschränkte Gebieter aber zog sich tiefbeschämt zurück und verschwand unter der Menge. Wie früher soll sich auch später kein Mann mehr gefunden haben, der Ansprüche auf die Speckseite erhoben hätte.

Quelle: Die Sagen und Legenden der Stadt Wien, herausgegeben von Gustav Gugitz, Wien 1952, Nr. 131, S. 138f
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Anja Christina Hautzinger, April 2005.