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Die Kegelbahn auf dem Stephansturm

Noch bis in die neueste Zeit war eine besondere Eigentümlichkeit der Turmwächterwohnung auf dem Stephansdome ein kleines Zimmer mit einer Kegelbahn. Es mochte den Türmern gar mancher Tag recht langweilig vergangen sein, und da bauten sie sich oben auf luftiger Höhe eine Kegelbahn. Sonntags nachmittag kamen ihnen befreundete Gesellen hinauf, und dann ging es an ein meisterliches Schieben. Die Bahn war nämlich so gestaltet, daß man sich bücken und, durch die Füße durchsehend, die Kugel hinausschieben mußte, um die Kegel umzuwerfen.

An einem heiterem Herbstabende vergnügte sich, nachdem schon alle Spieler den Plan verlassen hatten, noch ein wüster Handwerksgeselle, der überdies die Kunst verstand, auf jeden Schub alle neun Kegel fallen zu machen, ganz allein damit, alle Neun zu schieben; jeden solchen Meisterschub begleitete er mit wüstem Gejohle. Schon war Mitternacht nahe, da sah er plötzlich neben sich ein grau gekleidetes, aschfahles Männlein stehen, worüber er so betroffen war, daß er zum ersten Male die Kegel verfehlte. Zornentbrannt stellte er den Fremden zur Rede; dieser aber starrte ihn aus unheimlich leuchtenden Augen, die in tiefen Grabeshöhlen zu liegen schienen, an und erwiderte, er möge lieber ablassen von dem Spiele, es sei schon spät und eben werde das Glöcklein geläutet, das den Priester mit der heiligen Wegzehrung begleite. Der Geselle aber fluchte und wetterte greulich, höhnte den Fremden, forderte ihn auf, lieber mit ihm zu spielen, als auf das Sterbeglöcklein zu hören, und als der aschgraue Mann eindringlicher warnte, erbot sich der Geselle zu einer Wette gegen ihn, daß er auf jeden Wurf neun Kegel treffe, was der andere nicht zu tun imstande wäre; zugleich bot er ihm die Kugel zum ersten Wurf.

Turmstube © Wolfgang Morscher

Turmstube St. Stephan
© Wolfgang Morscher, 28.07.2001


Der unheimliche Turmbesucher nahm die Wette an; der Geselle aber warf, während er die Kegel aufstellte, einen heimlich zum Turmfenster hinaus. Da richtete sich das graue Männlein empor und wuchs zum Riesengerippe, das drohend Sense und Stundenglas schwang, und der Tod in eigener Person rief dem wüsten Kegler zu: "Ich treffe neun, wo auch nur acht sind." Dann warf er die gewaltige Kugel. Die acht Kegel stürzten zusammen, mit ihnen aber auch der frevelnde Kegelschieber als neunter - tot.

Seitdem erschien allnächtlich der wüste Geselle als Gespenst auf der Kegelbahn des Stephansturmes und wimmerte und jammerte, den neunten Kegel suchend, da er nicht eher Erlösung finden könne, bis nicht alle neun Kegel gefallen seien. Und so wurde es Sitte, daß alle Besucher des Turmes auf der Kegelbahn für die Erlösung des Gesellen einen Schub taten.

Quelle: Die Sagen und Legenden der Stadt Wien, herausgegeben von Gustav Gugitz, Wien 1952, Nr. 50, S. 71f
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Anja Christina Hautzinger, April 2005.