SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Wien >> Gnadenbilder

   
 

Die Himmelspförtnerin

Unter den frommen Frauen des Klosters zur hl. Agnes und hl. Katharina in der Traibotenstraße lebte eine durch Schönheit, Jugend und Sittsamkeit ausgezeichnete Jungfrau. In diesen stillen Mauern auferzogen, war sie mit den Leiden und Freuden der Welt ganz unbekannt. Ihres stets an den Tag gelegten frommen Betragens wegen hatte ihr die Oberin des Hauses das Pförtneramt übergeben, das sie mit Pünktlichkeit versah. Der böse Feind, erbost über den Ruf der Frömmigkeit, den sich diese Jungfrau schon in einem so zarten Alter zu erwerben gewußt hatte, beschloß, sie zum Ziele seines höllischen Bestrebens zu machen und sie der Tugend und Gottesfurcht zu entziehen.

Als sie eines Abends, ermattet von den Mühen des Tages, vergessen hatte, ein ihr sehr teures Gnabenbild der Heiligen Jungfrau, das in der Nähe der Pforte in einer Kapelle stand, zu besuchen, um es wie gewöhnlich mit frischen Blumen zu bekränzen, und sich auf ihr hartes Lager geworfen hatte, umgaukelten sie dämonische Erscheinungen und verführerische Träume. In lockender Gestalt erschien ihr der Böse im Schlafe und suchte sie durch trügerische Vorstellungen zu verführen.

"Vertausche nicht das Licht und die Luft des Himmels und die Frische der Erde und alle die schönen Dinge, die auf ihr atmen, mit dem kalten Kloster und der engen Zelle. Die Segnungen der Natur sind die wahren Güter des Lebens, und wir dürfen sie ohne Sünde miteinander teilen. Der Tod ist unsere Bestimmung, aber laßt uns sterben mit dem heiteren Leben um uns her. Laßt unseren letzten Blick auf den Grenzen ruhen, die Gott seinem heiteren Himmel gesetzt hat, und nicht auf Stein und Eisengittern. Auch außerhalb der Mauern des Klosters gibt es Behausungen der Tugend."

Es war um die Unschuld ihrer Seele geschehen. Durch mehrere Nächte stellten sich diese Lockungen ein, und ebensooft hatte sie, vom Bösen umstrickt, ihres Gnadenbildes vergessen. So geschah es, daß die Jungfrau in einer Nacht aus einem unruhigen Schlafe erwachte, von einem unwiderstehlichen Drange getrieben, emporsprang, die Schlüssel der Pforte nahm und sie mit zitternder Hand vor das Gnadenbild mit den Worten hinlegte: "Himmlische Königin! Deine unwürdige Dienerin hat sich der Welt zugewendet, nimm du also die Schlüssel deines Hauses hin und bewache dein Heiligtum!" Hierauf stürzte sie zur Pforte und in die weite Welt hinaus.

Ein Zeitraum von sieben Jahren verstrich. Die Abtrünnige hatte alle Leiden und Freuden der eitlen Welt versucht. Betrogene Liebe und marternder Undank drückten ihr alle Dornen bitterer Reue in die wunde Brust. Die Sehnsucht nach den friedlichen Klostermauern und dem einst so hochverehrten Gnadenbilde erwachte in ihrem Herzen mit unwiderstehlicher Gewalt. Sie beschloß zur Buße an den heiligen Ort zurückzukehren und sich die Gnade zu erbitten, unter seinem Dach ihr Vergehen sühnen zu dürfen.

Sie ergriff den Pilgerstab und trat in härenem Gewande mit nackten Füßen die Reise an. Viele Meilen hatte sie zu durchwandern, bis sie halbtot vor Hunger und Müdigkeit die Stufe der Klosterpforte erreichte. Ihre Lippen stammelten ein leises Gebet, während die zitternde Hand die Klingel zog. Wer faßt den heiligen Schauer, den die Zitternde empfand, als sich die Pforte öffnete und die Mutter aller Gnade mit dem Jesuskinde, von himmlischer Glorie umflossen, heraustrat und der Hingesunkenen liebevoll aufhalf.

Die Himmlische überreichte der Reumütigen die Pfortenschlüssel wieder, die sie vor sieben Jahren am Fuße des Gnadenbildes niedergelegt hatte, und kehrte schweigend zur Kapelle zurück, wo sie zur Verehrung aufgestellt war. Die Jungfrau, die sich am folgenden Tage sehr krank fühlte, berief die Oberin und alle Schwestern zu sich und bekannte öffentlich ihr Vergehen. Groß war das Staunen, das sich aller Anwesenden bei der Erzählung der Kranken bemächtigte, denn während der sieben Jahre ihrer Abwesenheit hatte im Kloster niemand die Pförtnerin vermißt. Man hatte sie täglich gesehen. Die göttliche Jungfrau hatte die ganze Zeit über ihr Amt vertreten und die Pforte gehütet.

Nachdem die Nonne Verzeihung erhalten hatte, fiel sie in einen festen Schlaf, aus dem sie nicht mehr erwachte. Die Vorsteherin soll das Wunder nach Rom berichtet und der Heilige Vater befohlen haben, das Kloster zum Andenken daran "Zur Himmelpförtnerin" zu nennen.

Quelle: Die Sagen und Legenden der Stadt Wien, herausgegeben von Gustav Gugitz, Wien 1952, Nr. 92, S. 107ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Anja Christina Hautzinger, April 2005.