|
SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Wien >> Stephanskirche |
|
|
Die Schätze der hl. Corona In alten Zeiten glaubte man, daß die hl. Corona die Macht besitze,
ihre Verehrer mit Schätzen und Reichtümern zu beschenken, wenn
man sie durch gewisse Gebete und Beschwörungen, die ebenfalls wieder
unter gewissen Zeremonien verrichtet werden mußten, dazu zwinge. In einer finsteren Nacht schlüpfte der Mesner in den Dom und vollführte seine Beschwörungen, obschon ihn geheimnisvolle Stimmen mahnten, abzulassen und es ihm schien, als öffneten sich alle Gräber und die Verstorbenen, der Bürgermeister Vorlauf an der Spitze, der sein edles, ihm als treuem Diener seines Herrn abgeschlagenes Haupt in der Hand trug, richtete die warnenden und zürnenden Augen auf ihn. Aber er ließ sich nicht irremachen und wußte sich vor Entzücken kaum zu fassen, als die hl. Corona aus einer Pfeilernische herabzuschweben schien, drohend den Zeigefinger hob und mit den Worten "So nimm denn des Goldes verächtlichen Schimmer, der das Herz der Edlen nicht erfreut und dem Schwachen seine verführerischen Fallstricke legt!" ihre Schürze fallen ließ, aus der nun ein ungeheurer Goldhaufen auf die steinernen Platten der Kirche rollte. Von nun an bewohnte der Mesner, der sofort sein Amt niedergelegt hatte,
mit seiner Frau eines der größten Häuser der Stadt und
machte ungeheuren Aufwand, tafelte mit einem Heer von Schmarotzern alle
Tage und suchte durch die Jubelklänge der Musikanten den Mißton
zu verscheuchen, der sich trotz des Reichtums in seine Brust geschlichen
hatte, denn - er war in seinem Familienleben höchst unglücklich
geworden. Als der Mesner aus seiner Ohnmacht erwachte, da - saß er, aus langem
Schlummer aufgewacht, umgeben von allen seinen Lieben, die sich sorgenvoll
über ihn beugten, in seinem Lehnstuhle. Alle Erlebnisse waren nur
ein Traum gewesen, den ihm die hl. Corona zur Warnung beschert, und nie
mehr regte sich in dem nun mit seinem einfachen Lose zufriedenen Manne
die Gier, reich zu werden und aus seinen Kindern etwas Vornehmes machen
zu wollen. Quelle: Die Sagen und Legenden
der Stadt Wien, herausgegeben von Gustav Gugitz, Wien 1952, Nr. 69, S.
86ff |