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Der jüdische Friedhof in der Seegasse -
Steinerne Zeugen der Geschichte
© Harald Hartmann

Der jüdische Friedhof in der Seegasse, Wien © Harald Hartmann

Der jüdische Friedhof in der Seegasse, Wien
© Harald Hartmann, Oktober 2005

 

Der jüdische Friedhof in der Seegasse © Harald Hartmann

Der jüdische Friedhof in der Seegasse
© Harald Hartmann, Oktober 2005

Der jüdische Friedhof befindet sich im Hof des Pensionistenheimes in der Seegasse 9-11 im 9. Wiener Gemeindebezirk, welches auf dem Areal des jüdischen Siechenhauses errichtet wurde.

Der jüdische Friedhof in der Seegasse, Wien © Harald Hartmann

Der jüdische Friedhof in der Seegasse, Wien
© Harald Hartmann, Oktober 2005

Dieser ist der älteste erhaltene Friedhof Wiens und der einzige mit ausschließlich hebräischen Inschriften. Begräbnisse fanden von 1540 bis 1783 statt. Da es in Wien immer wieder zu Judenvertreibungen kam und der Bestand dieses Friedhofs gefährdet war, kaufte ihn der Kaufmann Koppel Fränkel um 4000 Gulden, um den "Fortbestand auf ewige Zeiten" zu sichern (Die Gemeinde Wien hat in unserer Zeit den Kaufvertrag festgestellt und als rechtmäßig anerkannt).

1783 wurde der Friedhof, wie alle anderen innerhalb des Linienwalles stillgelegt und der Natur überlassen. Ein Hofdekret Josephs II versprach jedoch "Erhaltung und Schutz desselben". Bis in die unsägliche Zeit der Dreißiger- und Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts …

Der jüdische Friedhof in der Seegasse, Wien © Harald Hartmann

Der jüdische Friedhof in der Seegasse, Wien
© Harald Hartmann, Oktober 2005


Um der Schändung des Friedhofes zu entgehen, brachten einige mutige Juden (in einer Zeit der schwersten Verfolgung trotz des Benzin- und Fahrzeugmangels) die meisten Grabsteine auf den Wiener Zentralfriedhof und vergruben sie dort. Zu Beginn der Achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts wurden die Steine wieder entdeckt und nach den Plänen Bernhard Wachsteins wieder aufgestellt. Wachstein hatte den Friedhof um die Jahrhundertwende (1912-1917) dokumentiert. Vierhundert Jahre nach seiner Gründung wurde der Friedhof am 2. September 1984 wieder eingeweiht.

Der jüdische Friedhof in der Seegasse, Wien © Harald Hartmann

Der jüdische Friedhof in der Seegasse, Wien
© Harald Hartmann, Oktober 2005

Jedem Besucher fällt eine allein stehende Fischskulptur aus Kalkstein ins Auge. Um diesen Fisch rankt sich folgende Sage:

Der jüdische Friedhof in der Seegasse, Wien © Harald Hartmann

Der jüdische Friedhof in der Seegasse, Wien
© Harald Hartmann, Oktober 2005

Der redende Fisch

Der Jude Simeon fing eines Tages einen großen fetten Fisch und freute sich schon auf das Mahl. Doch am Küchentisch hob der Fisch den Kopf und rief: "Schema Israel!", jene Worte also, die man im Sterbemoment sagen soll. Aber es war schon zu spät, der Kopf war bereits abgeschlagen und der Fisch starb. Der um Rat gefragte Rabbi meinte, es sei wohl ein "Dibbuk", eine wandelnde Seele und der Fisch gehöre daher beerdigt. Das tat Simeon und setzte ihm einen Grabstein in der oben angeführten Gestalt.

Heute nimmt man an, dass es sich um den Wasserspeier eines Brunnens für rituelle Handwaschungen handelt.
Der Friedhof kann durch das Pensionistenheim jederzeit besucht werden. Die Wiese mit den verstreut aufgestellten Grabsteinen mutet an, wie ein Museum. Der Besucher möge jedoch bedenken, dass er hier geweihten Boden betritt, nach jüdischem Glauben ein Grab nur einmal belegt werden darf und Friedhöfe Orte sind, welche ewig zu respektieren sind.

Der jüdische Friedhof in der Seegasse © Harald Hartmann

Steine auf den jüdischen Grabsteinen
am jüdischen Friedhof in der Seegasse, Wien
© Harald Hartmann, Oktober 2005

Anmerkung: Dem mit dem Judentum nicht vertrauten Besucher werden sofort die Steine auffallen, die auf die Grabsteine gelegt wurden. Sie sind Zeichen des Erinnerns im Sinne der Bibelstelle "Im Schweiße deines Angesichts wirst du Brot essen, bis du zurückkehrst zum Erdboden, denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren!" (Gen. 3, 19)

 

Teil 2 >> Der jüdische Friedhof in der Seegasse

Quelle: © Harald Hartmann, 6. Oktober 2005

weitere Quellen:
Michael Totschnig: "Wien und der Tod"
Traude Veran: "Das steinerne Archiv", Mandelbaum Wien, 2002
Patricia Steines: "Wiens Friedhöfe als Zeugen der Geschichte zwischen Tradition und Assimilation"
[Link] "DAVID", Jüdische Kulturzeitschrift