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DER RATTENFÄNGER VOM MAGDALENENGRUND

In den Vorstädten des alten Wien standen viele ärmliche Hütten, die nur aus einem Raum bestanden. Diese Unterkünfte hatten keinen Rauchfang und der Fußboden bestand aus gestampftem Lehm. Damals wurden die Abfälle aus den Fenstern auf die Wege geworfen und dadurch entwickelte sich übler Gestank. Kein Wunder, daß die Stadt von einer Ratten- und Mäuseplage gequält wurde. Besonders schlimm war es in der Gegend um den Magdalenengrund.

Zu dieser Zeit gab es in Wien Rattenfänger, welche die Nagetiere mit Gift ausrotteten. Einer von ihnen, Hans Mäusel vom Magdalenengrund, beherrschte eine besonders geheimnisvolle Methode. Als er von der furchtbaren Rattenplage in Korneuburg erfuhr, ging er zu den Stadtvätern und bot ihnen seine Hilfe an. Die Ratsherren waren hoch erfreut und versprachen ihm viel Geld, wenn er sie von dem Ungeziefer befreien könnte.

Am nächsten Morgen war Hans zur Stelle. Er war wie ein Jäger gekleidet, auf seinem Hut wippte eine lange Feder und in der Hand hielt er eine kleine schwarze Flöte. Sobald er in die Flöte blies, erklangen schrille und ohrenbetäubende Töne. Nach und nach krochen aus Häusern, Kellern und allen möglichen Winkeln Scharen von Ratten heraus und folgten dem Rattenfänger, der langsam zur Donau hinunterging. Immer mehr Ratten kamen aus ihren Schlupflöchern und bald war die Straße hinter Hans von den Rattenkörpern ganz schwarz.

Als Hans am Fluß angekommen war, stieg er in ein kleines Boot, und während er weiter auf der Flöte blies, ruderte er auf den Strom hinaus. Blindlings folgten ihm die Ratten, stürzten sich in die Donau und ertranken. So hatte Hans die Stadt Korneuburg von der Rattenplage befreit.

Als er ans Ufer zurückkam und seinen Lohn forderte, antworteten sie ihm: "Ihr steht mit dem Teufel im Bunde! Ein einfacher Rattenfänger kann doch mit einer Flöte keine Ratten anlocken. Ihr seid ein Zauberer. Verschwindet, sonst klagen wir Euch der Hexerei an!" Hans entgegnete zornig: "Wenn Ihr bis morgen früh das Geld nicht in das Mauerloch im Haus neben der Kirche legt, werdet Ihr es büßen!"

Am nächsten Tag ging Hans Mäusel zu dem Haus, aber als er in das Loch griff, war es leer. Nach kurzer Zeit erschien er in blutrotem Gewand auf dem Marktplatz und blies süße und einschmeichelnde Weisen auf einer kleinen goldenen Flöte. Viele kleine und auch größere Kinder kamen aus den Häusern und hörten ihm begeistert zu. Als er langsam zur Donau hinunterging und dabei immer
weiter musizierte, folgten ihm alle Kinder und sangen fröhliche Lieder. Hans bestieg einen großen Kahn und die Kinder kamen mit ihm.

Das Schiff legte ab und wurde nicht mehr gesehen. Die Korneuburger trauerten um ihre Kinder. Erst viel später erfuhren sie von einem Kaufmann, der aus dem Morgenland kam, daß dort vor vielen Jahren Kinder auf dem Sklavenmarkt verkauft worden waren.

Quelle: Wien in seinen Sagen, Eva Bauer, Weitra 2002, S. 177