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Die Wollzeilergesellschaft und das Circular

Im September 1814 reiste Jacob Grimm in kurhessischen diplomatischen Diensten zum Wiener Kongreß, wo er sich fast elf Monate aufhielt. Als "Diplomat wider Willen" fühlte er sich in seiner Rolle als Legationssekretär keineswegs wohl, denn es zog ihn mehr zu Büchern und Bibliotheken als zur städtischen Wiener Gesellschaft. So kam eine Empfehlung Clemens Brentanos gerade recht, die ihm dieser über Achim von Arnim zukommen ließ und die ihn mit einem Kreis Gebildeter, Literaten, Antiquare, Buchhändler, Ärzte und Künstler, dem "Kränzchen", bekannt machte. Dieser Kreis, der sich in dem in der Wollzeile nahe dem Stephansdom gelegenen Gasthaus "Zum Strobelkopf" traf, beschäftigte sich mit altdeutscher Literatur, Büchern und Handschriften. Wohl auf Betreiben Jacob Grimms wurde "im Gedanken, daß unter dem gemeinen deutschen Volk ... eine unglaubliche Kraft von Sage, Lied und Spruch hafte", hier in Wien am 28.12.1814 eine Gesellschaft gegründet, die sich "zur Erinnerung an den Ort und die Gelegenheit ihrer Stiftung den Namen Wollzeiler Gesellschaft" gab. Erst vor einigen Jahren konnte die Gründungsurkunde der "Wollzeilergesellschaft" im Laßbergschen Nachlaß in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe aufgefunden werden (Sign. Hs. 2914). Sie wurde am 4.1.1815 von elf Mitgliedern unterschrieben.

Die Namen der Gründungsmitglieder:

- Eckstein, Buchhändler aus Magdeburg;
- Flury, Schweizer Maler:
- G. Frick aus Kassel, der anatomische Zeichnungen anfertigte;
- Jacob Grimm;
- August Gottlieb Hornbostel, Arzt mit literarischen Ambitionen und Jugendfreund Grillparzers;
- Joseph Georg Meinert, der einzige, der außer Grimm sich mit der Volksüberlieferung beschäftigte und die Volksliedersammlung Fylgie aus dem Kuhländchen herausgab (1817);
- Johann Georg Passy, Verleger und Redakteur;
- Friedrich von Schäfer, über den nichts Näheres bekannt ist;
- Michl Schmidl, Schriftsteller und Buchhändler in Wien;
- Johann Emanuel Veith, der seinen Beruf als Tierarzt aufgab und in den Redemptoristenorden eintrat;
- Aloys Zettler, ein Dichter, der wie Meinert und Veith aus Böhmen stammte;

Wohl nachträglich unterzeichneten Werner von Haxthausen, sowie Joseph von Laßberg, der große Sammler und Editor mittelalterlicher Handschriften.

Die Gesellschaft richtete ihr Augenmerk auf die Sammlung von Volksliedern, Sagen, Schwänken, Sitten und Bräuchen, Rechtsgewohnheiten, Aberglauben und Sprichwörtern: "Alles dieses muß getreu und wahrhaftig ohne Schminke und Zuthat aus dem Mund der Erzählenden gefaßt, und ... auf das umständlichste aufgenommen werden". In zwölf Punkten gibt die Gründungsurkunde bis ins Detail gehende Anweisungen für die Sammeltätigkeit und weist auf mögliche Gewährsleute hin: Hirten und Fischer, alte Weiber, Pfarrer, Ferien-Studenten, Kandidaten und Schulmeister. Von ihnen, die dem "Volk" am nächsten standen, erhoffte man sich Aufzeichnungen von Märchen, Sagen und Volksliedern.

Im Februar 1815 ließ die "Wollzeilergesellschaft" ein Circular wegen Aufsammlung der Volkspoesie drucken, das sich im Text eng an die Aufzeichnungen der Gründungsurkunde hielt. Das Circular wurde zunächst an die Mitglieder der Gesellschaft verteilt, die es in ihrem Namen an neue Mitglieder und Korrespondenten weitergeben sollten. In dem Circular werden an zweiter Stelle, nach den Volksliedern, die Sagen genannt, die es gelte "fleißig aufzuspüren und treulich aufzuschreiben". Es heißt dort, man suche

"Sagen in ungebundener Rede, ganz besonders sowohl die vielfachen Ammen= und Kindermährchen von Riesen, Zwergen, Ungeheuern, verwünschten und erlößten Königskindern, Teufeln, Schätzen und Wünscheldingen, als auch Localsagen, die zur Erläuterung gewisser Örtlichkeiten (wie Berge, Flüsse, Seen, Sümpfe, zertrümmerte Schlösser, Thürme, Steine und alle Denkmäler der Vorzeit sind) erzählt und gewußt werden. Auf Thierfabeln, worin zumeist Fuchs und Wolf, Hahn, Hund, Roße, Frosch, Maus, Rabe, Sperling etc. auftreten, ist sonderlich zu achten. Lustige Schalksknechtstreiche und Schwanke; Puppenspiele von altem Schrot, mit Hanswurst und Teufel."

Die Sammler werden aufgefordert, daß die Texte von den Erzählern bzw. Sammlern

"wo thunlich in und mit deren selbsteigenen Worten, auf das genaueste und umständlichste aufgefaßt werden, und was in der lebendigen örtlichen Mundart zu erlangen wäre, würde darum von doppeltem Werthe seyn, wiewohl auf der ändern Seite selbst lückenhafte Bruchstücke nicht zu verschmähen sind. Denn es können alle Abweichungen, Wiederholungen und Recensionen einer und derselben Sage im Einzelnen wichtig werden, und durch die trügerische Meinung, dergleichen sey bereits gesammelt und aufgezeichnet, darf man sich keineswegs eine Erzählung von sich abzuweisen verleiten lassen."

In der "Wollzeilergesellschaft" und dem Circular können wir die Anfange der Erzählforschung in Österreich sehen.

Quelle: Leander Petzoldt, Zur Geschichte der Erzählforschung in Österreich (Auszug), In: Schmitt, Christoph (Hrsg.), Homo Narrans. Studien zur populären Erzählkultur. Festschrift für Siegfried Neumann zum 65. Geburtstag. Münster u.a., S. 111 - 138.