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DER LIEBE AUGUSTIN

Das Jahr 1679 mag den Wienern lange im Gedächtnis geblieben sein; denn es brachte wie kaum ein zweites Unheil und Tod über viele Familien. Von Ungarn kommend, war der grausame Würger Pest in die Stadt geschlichen. Anfangs kaum bemerkt, hatte sich die Seuche in kurzer Zeit in fast allen Häusern breitgemacht. Wer konnte, verließ die Stadt; denn die Zahl der Erkrankten stieg von Tag zu Tag, die Todesfälle wuchsen an, manche Leute wurden mitten in den Straßen vom Tod ereilt, so daß zuletzt viele Tote in den Straßen umherlagen. Reiche und Arme, Junge und Alte fielen der würgenden Krankheit zum Opfer. Unaufhörlich fuhren die Leichenwagen, hochbeladen mit Toten jedes Standes und Geschlechtes. Die Stadtknechte lasen auf, was sie fanden, beluden ihre Wagen und leerten sie in die Pestgruben, die man vor der Stadt ausgehoben hatte. Waren die Gruben voll, wurden sie einfach zugeschüttet.

In dieser schweren Zeit lebte in Wien ein lustiger Sänger und Dudelsackpfeifer, der immer fröhlich und guter Dinge war nach dem Grundsatz:


"Lustig gelebt und lustig gestorben
ist dem Teufel die Rechnung verdorben."


Seines unverwüstlichen Humors wegen war er den Wienern lieb und wert, allgemein hieß er nur "der liebe Augustin".

Der liebe Augustin

Briefmarke 9 S, Republik Österreich, 1998
Sammlung Claudia Ruppitsch

Augustin hielt sich mit Vorliebe im Bierhaus "Zum roten Dachel" am Fleischmarkt auf und gab dort seine Possen und Lieder zum besten. Obwohl in der Pestzeit die meisten Lokale aus Furcht vor Ansteckung von den Wienern gemieden wurden, gab es im "Roten Dachel" stets vollbesetzte Tische; denn Augustins Humor lockte manchen Waghalsigen dorthin, der bei dem edlen Gerstensaft und den heiteren Klängen von Augustins Sackpfeife das tägliche Elend zu vergessen suchte.

An einem klaren Septemberabend aber saß der liebe Augustin trüb und niedergeschlagen in der Schenke, denn heute wollte sich kein Gast zeigen. Wortlos und unwillig stierte er vor sich hin und ließ sich Glas um Glas vorsetzen, um seinen Unmut zu dämpfen. Wankend und höchst unsicher auf den Beinen, verließ er spätabends den Schauplatz seiner früheren Triumphe, um seine vor der Stadt gelegene Behausung aufzusuchen.

Als er über den Kohlmarkt zum Burgtor hinausgetorkelt war, stolperte er und fiel am Rande der Straße nieder, wo er, unfähig, sich wieder zu erheben, liegenblieb und gleich einschlief. Als ein wenig später die Pestknechte mit einer Leichenfuhre an der Stelle vorüberkamen, dachten sie, hier liege auch ein mausetoter Mann, packten ihn und warfen ihn zu den übrigen Toten auf den Wagen. Sie luden ihn dann mit den andern in der Pestgrube ab und fuhren wieder davon.

Augustin aber hatte weder das Aufladen noch das Abladen verspürt, sondern mitten unter den Toten auf dem Wagen und in der Grube weitergeschlafen, als ob er zu Hause in seinem Bett läge. Als ihn dann die Morgenluft ernüchterte und er aus seinem Schlummer erwachte, sah er mit Bestürzung, daß eine Pestgrube voll schauerlicher Leichen seine unheimliche Schlafstätte gewesen war. Da kamen gerade die Pestknechte mit einer neuen. Leichenfuhre zu der Grube und gewahrten entsetzt einen Mann zwischen den Toten herumstapfen. Augustin aber rief ihnen laut schimpfend zu: "So helft mir doch! Seht ihr denn nicht, daß ich den Grubenrand nicht erreichen und daher aus dieser verdammten Grube nicht hinausklettern kann?"

Einer von den Knechten aber sagte: "Den haben wir doch gestern für tot auf der Straße aufgelesen und in die Grube geworfen. Hat der Mensch Glück, daß die Grube gestern noch nicht voll war und daher nicht zugeschüttet wurde, sonst hätte es für ihn aus seinem Rausch kein Erwachen mehr gegeben!"

Der liebe Augustin aber wurde ungeduldig. Die Helfer waren ihm zu langsam. "Mit einer Nacht in der Pestgrube habe ich vollauf genug", rief er unwillig, "ich will keine Minute länger hier drinnen bleiben. Rasch, helft mir hinauf!"

Sie zogen ihn aus der Grube, und er ging schimpfend davon. Das Nachtlager unter den Pestleichen hatte keine bösen Folgen für ihn; er blieb gesund, wie er es bisher gewesen war, und bildete weiter den Anziehungspunkt für die Gäste des "Roten Dachel", denen er sein schauriges Abenteuer in zierlichen Versen noch oft zu Gehör brachte, bis er im Jahre 1702 hochbetagt eines natürlichen Todes starb.


Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 22