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DER PFELLER UND DER PFELLERPFIFER

Die scheuen Nachtvölker treiben ihr Unwesen gerne auf der alten Landstraße. Unheimlich grauste die Nacht über Fußgängern und Fuhrleuten, die nach Dornbirn mußten, denn die Landstraße zieht mitten durch den gefürchteten Pfeller. Links streicht der Wald geheimnisvoll von Knie herab bis zur Straße, rechts sind ein paar Bündten und weiter hinaus ödet das weite, stille Ried.

Den Rock knöpfte man fest zu, wenn man nachts durch den Pfeller mußte, denn auf einmal pfiff es links und pfiff es rechts, schrie es vorne und kreischte es hinten. Heiße Angst und kalte Schauder liefen einem über den Rücken. Man eilte so schnell man konnte durch den unheimlichen Ort, denn der Pfellerpfifer hockte sich manchem auf den Rücken und schweißgebadet kam er am Ende des Waldes an.

So ein Gang durch den alten Pfeller war wirklich nicht geheuer, wenn Eulen, Käuzchen und Totenvögel durch das Dunkel schreckten und Huchalar ihr stöhnendes Huhuhu und Gwigga ihr trätziges Gwigg-gwigg in die Nachtluft kreischten. —

Vor vielen Jahrhunderten stand im Pfellerwald ein Kloster. Ein Knecht dieses Klosters erschlug einst im Zorn einen Mönch. Nach dem Tode des Mörders fing es im Pfeller jeden Abend an zu pfeifen. Die Leute sagen, das sei der Knecht, der nicht mehr zur Ruhe kommt und als Pfellerpfifer seitdem umgeht. —

Im Pfellerwald trieb einst ein Räuber sein Unwesen und plünderte friedliche Leute aus.

Eines Tages kam auch ein altes Weiblein des Weges. Mit dem Messer in der Hand rief der Mann: „Geld her!" Da erschrak das Weiblein und schrie in seiner Not: „Maria hilf!" Unversehens öffnete sich der Boden und verschlang den Mann vor den Augen des Weibleins. Seitdem geistert es im Pfeller. —

Der Pfeller galt früher auch deshalb als unheimliche Stätte, weil Selbstmörder mit Vorliebe diesen Wald aufsuchten, um sich das Leben zu nehmen. Selbst für Leute, die an Gespenster und Geister nicht glaubten, war der nächtliche Wald, wegen des unheimlichen Eulengeschreies furchterregend. Deshalb überlegte es sich gar mancher, nachts den Weg durch den verrufenen Pfeller zu machen und jeder Fuhrmann soll früher, vor der Einfahrt in den Wald mit der Peitsche ein Kreuz in die Luft geknallt haben. Auch Raubüberfälle waren im Pfeller keine Seltenheit, weil die Fuhrleute oft beträchtliche Werte von und zu den Lagerhäusern zu fahren hatten. —

Einmal fuhr ein Mann mit seinem Wagen nachts durch den Pfeller. Da sah er an einer Tanne einen Gehängten. Der Fuhrmann schnitt ihn ab und lud den Toten auf den Wagen. Aus dem Walde gekommen, sah er, daß es sein Vater war und daß in Haselstauden sein Haus in Flammen stand. —

Als einstens ein Bauer durch den Pfeller fuhr, fing es an zu pfeifen und der Wagen rollte keine fünf Meter mehr. Fluchend schlug der Bauer auf sein Pferd ein. Da sprang krachend ein Rad vom Wagen. Nun warf der Bauer aus seinem Geldbeutel drei Kreuzer auf die Straße und als ob nichts gewesen wäre, war das Rad wieder am Wagen und dieser lief. —

Des öfteren kam es vor, wenn nachts Fuhrleute durch den Pfeller fuhren, daß plötzlich ein markdurchdringendes Gepfeife anhub und ein Geist auf den Wagen sprang, daß er kaum mehr von der Stelle zu bringen war. —

Einem Mann, der nächtlicherweile mit zwei Pferden durch den Pfeller gegen Dornbirn wollte, blieben die Pferde im Walde stehen und er mußte bis zum Morgen warten, ehe er weiterfahren konnte. —

Fuhrleuten, die nachts durch den Pfeller mußten, konnte es geschehen, daß sie bei dem Gepfeife vom Wege abkamen, mit Roß und Wagen in den Feldern umherirrten und erst beim Morgenläuten wieder den rechten Weg fanden. —

Einstens ging ein Mann von Schwarzach nach Dornbirn. Als er zum Pfeller kam, war es schon dunkle Nacht. Da ging ein Pfeifen und Schreien los und der Pfellerpfifer sprang ihm auf den Rücken. Als er zurückschielte, packte ihn das Grauen und er lief, was er laufen konnte. Bei seinem Hause angekommen, tat es einen Pfiff und der Pfellerpfifer war verschwunden. Am ändern Tag hatte der Mann schneeweißes Haar. —

Hatte man endlich, nach vielen Schrecken, den Pfeller hinter sich und Haselstauden unter den Füßen, dann begann es von neuem zu geistern, denn das alte Stieglingen war ein verrufener Hexenplatz.


Quelle: Walter Weinzierl, Sagen aus Dornbirn, Dornbirn 1968, S. 37