SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Frankreich

   
 

DER SCHRÄTTLIG

Wie der Schrättlig eigentlich aussieht, weiß man nicht, wohl aber, daß er ein launischer, leidwerchiger Hausgeist ist, der wie das Doggi seine Freude daran hat, nachts in Schlafgaden zu schleichen und die Leute im Bett zu drücken, daß ihnen der Atem fast vergeht und sie nichts anderes glauben, als es liege ein Zentnergewicht auf ihnen. In der Schweiz heißt der Alp an vielen Orten auch Schrättel.. In Mühlbach im Elsaß und in den benachbarten Ortschaften ist das Schrätzmännel ein Kinderpopanz, der den schlafenden Kindern aufs Herz sich setzt und sie zu erdrücken scheint. Das Vermögen, seine Gestalt zu wandeln, kommt ihm trefflich zustatten. Ofter schiebt er als Katze mit der vorderen rechten Pfote ganz niedlich den Fensterläufer zurück und hüpft in das Schlafzimmer oder er windet sich als Strohhalm zum Schlüsselloch hinein oder er schneidet sich selbst den Bauch auf und haspelt die Gedärme aus dem Leib, daß er, ganz dünn geworden, sich durch jede Wandspalte zwängen kann. Beides ist ihm einmal übel bekommen. Es faßte einer den Schrättlig, da er sich als Strohhalm zum Schlüsselloch hereinwand, und nagelte ihn fest an die Zimmerwand. Als er morgens erwachte, gewahrte er ein altes Weiblein an der Wand hängen und das war der tote Schrättlig. Ein anderer fand die herausgehaspelten Gedärme des Schrättligs vor der Kammertür, und er ging und mischte Harz und Sägmehl darunter, sodaß der Unhold sie nicht mehr in die Bauchhöhle einzupacken vermochte und draufgehen mußte.

Ein Messer in die Wand des Schlafgemaches gesteckt, ein Glas voll Harn wohl verstopft und unter das Bett gestellt und ganz besonders eine Hechel oder Kardatsche umgekehrt auf die Brust gelegt, schützt gegen den Schrättlig. Hat man eine schwarze Henne im Stall und merkt nachts den Schrättlig kommen, so sage man zu ihm: "Geh, drück lieber meine schwarze Henne im Stall" , dann fährt er gutwillig ab, geht in den Stall und drückt dort die schwarze Henne zu Tode. In Liechtenstein sagt man, man wiege nie eine leere Wiege, geschehe dies, so wiege man den Schrättlig.


Quelle: Die Sagen Vorarlbergs. Mit Beiträgen aus Liechtenstein, Franz Josef Vonbun, Nr. 79, Seite 90