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Sagen von der St. Martinskirche in Ludesch

Von der Martinskirche, die schon durch ihr Alter und ihre isolierte Lage auf der einsamen Bergeshöhe von einem geheimnisvollen Zauber umgeben ist, sind noch in der Gemeinde einige Volkssagen im Umlauf, wovon sich eine mit dem liederlichen Mesner befaßt, durch dessen Nachlässigkeit die vormalige Altartafel im Jahre 1594 zugrunde ging und der darum heute noch geistern muß. Einige von dielen Sagen seien hier mitgeteilt.

Die Sage vom gleichgültigen Mesner lautet so: "Das alte Möhrle, das viele Jahre in St. Martin Mesner war, sah öfters einen Mesner aus der Sakristei kommen mit einem Löschhörnchen in der Hand. Der Mesner trat zum Hochaltar hin, als wollte er die Kerzen löschen und verschwand dann immer." Wegen seiner Nachlässigkeit finde er jetzt noch keine Grabesruhe.

Der Schulknabe Johann Josef Pritsche, der Vorstehendes mitteilt, erzählt weiters: „Als meine Großmutter 17 Jahre alt war, pilgerte sie mit einigen Freundinnen zur St. Martinskirche hinauf. Sie beteten dort und gingen, als es schon dämmerte, noch um die Kirche herum und schauten dann zufälligerweise zum Sakristeifenster hinein. Da sahen sie drinnen einen Priester, der hatte ein aschfahles Totengesicht und bekleidete sich eben mit den kirchlichen Gewändern, als wollte er Messe lesen. die Mädchen begannen sich zu fürchten und liefen davon. Diesen Priester hatten schon früher mehrere Personen gesehen."

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Das alte Möhrle mußte, da man in der Pfarrkirche draußen auf den andern Tag ein schwarzes Meßgewand vermißte, noch spät am Abend, als es schon bald Mitternacht war, nach St. Martin hinauf, ein schwarzes Meßgewand zu holen. Als Möhrle in die Kirche trat, sah er in den vorderen Bänken jemand sitzen. Er holte aber dennoch das Meßgewand und schloß die Türe wieder zu. Am andern Tag war an dieser Stelle ein weißer Fleck. Der Mesner strich diese Stelle schwarz an, aber andern Tags war auf der Bank wieder ein weißer Fleck; man nagelte deshalb ein Brett darauf, das heute noch zu sehen ist.

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Auf dem Gebälk ob dem Vorzeichen sei auch ein Geist; der habe einen roten Rock an. Zwei Kinder, die in der Nähe der St. Martinskirche daheim waren, gingen noch spät am Abend zur Kirche hinauf, Putzsand zu holen. Oben angekommen sagte das eine Kind: „Schau dort hinauf, ober dem Vorzeichen ist ein kurioser Mann und winkt zu uns herunter." Erst nach einer Weile sah auch das andere Kind oben einen Mann stehen; der hatte einen roten Rock an und auf dem Kopf ein altes Montafonermeßle. Der Mann hatte ein langes, weißes Gesicht und einen starren, toten Blick und drohte den Kindern mit dem Zeigefinger. Die Kinder vergaßen vor Schrecken auf den Putzsand und liefen davon.

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Die St. Martinskirche soll schon mitten in der Nacht beleuchtet gewesen sein. Ein Ludescherberger, der in der Mühle in Ludesch das Mehl holte, ging noch um Mitternacht an der Kirche vorbei. Da sah er die ganze Kirche beleuchtet; üdinnen wurde georgelt und fromme Lieder erklangen. Als er hinging und schauen wollte, da verschwand alles, und in der Kirche war es wieder dunkel wie zuvor.

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Auch soll man öfters die Kirche brennen gesehen haben. Man hörte das Feuer prasseln und sah die Flammen emporzüngeln und über dem Dache zusammenschlagen, und wenn man hinging, war. alles verschwunden, In der Kirche rufe es auch zu gewissen Zeiten und der Ruf dringe einem durch Mark und Bein.

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Fast in allen Winkeln der Kirche spuke es, und in Ludesch gibt es manche Leute, die sich um Mitternacht nicht um viel Geld in die Kirche wagen würden.

Quelle: Anna Hensler, in: Rund um Vorarlberger Gotteshäuser, Heimatbilder aus Geschichte, Legende, Kunst und Brauchtum, Bregenz 1936, S. 48