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SANKT GEROLD

Im oberen Walsertal auf der Sonnenseite, umgeben von schattigen Ahornbäumen, liegt mitten im Kranz der Berge das einsame Kloster St. Gerold. Seinen Namen führt es vom hl. Gerold aus herzoglichsächsischem oder, wie einige wollen, aus dem Geschlechte der Herren von Sax im Rheintale. Der Heilige verließ nach der Legende seine Gemahlin und Kinder und erschien in der Mitte des zehnten Jahrhunderts hier in der Wildnis, die damals noch den Namen Frasuna führte, und lebte, nur dem Himmel bekannt, als Einsiedler mehrere Jahre. Seine Wohnung war eine hohle Eiche, Waldfrüchte waren seine Nahrung. Graf Otto, auf Jagdberg wohnend, ließ in dieser Wildnis jagen. Ein Bär, den Hund und Jäger aufgescheucht hatten, lief zur Eiche und fand zu Füßen des frommen Mannes seine Rettung. Otto eilte herbei, bezeigte dem Klausner seine Verehrung und schenkte ihm ein Stück Waldung; daß er sich ein Bethaus und eine Zelle baue.

Briefmarke Probstei St. Gerold

Briefmarke Probstei St. Gerold
5.50 S, Republik Österreich 1986
Sammlung Morscher privat

Um dieselbe Zeit suchten voll kindlicher Sehnsucht Kuno und Ulrich ihren lang vermißten Vater Gerold und fanden ihn. Sie entschlossen sich, gleich ihm der Welt zu entsagen und bei ihm zu verbleiben. Bald vermochte sie der Vater, nach Einsiedeln in das Kloster des hl. Benedikt zu gehen. 974 traten sie dort ein. Als der gottselige Greis den Tod nahen fühlte, nahm er Erde in seine Tasche, pilgerte nach Einsiedeln und legte sie als Zeichen der Vergabung auf den Altar in der Kapelle der Mutter des Herrn. Dann kehrte er in sein Bethaus Fryson oder Frasuna zurück und schloß dort am 19. April 878 sein Leben. Als die Söhne den Tod des Vaters erfuhren, begaben sie sich mit Erlaubnis des Abtes in die Geroldszelle und starben dort im Rufe der Heiligkeit.

Legende des heiligen Gerold © Berit Mrugalska
Die Legende des heiligen Gerold, St. Gerold
Berit Mrugalska, 17. Oktober 2005

Das Stift Einsiedeln ließ in der Folge die Waldungen lichten und den öden Grund anbauen; der Ansiedler wurden mehr und die Gemeinde nannte sich St. Gerold. Das Stift führte hier bald auch ein Kirchlein und ein klösterliches Gebäude auf. Zur Ausübung der Seelsorge für die Eigenleute und zur Einhebung der Einkünfte dieses Besitztums und der anderen Güter dieser Gegend schickte es einen Capitularen als Statthalter oder Verwalter unter dem Titel eines Propstes mit etlichen anderen Priestern dahin. Daher stammt der noch übliche Name "Propstei St. Gerold".

Grabstätte des heiligen Gerold © Berit Mrugalska
Grabstätte des heiligen Gerold, St. Gerold (Großwalsertal)
Berit Mrugalska, 17. Oktober 2005

Zur Bekräftigung der Legende findet man an der Klostermauer den sächsischen Rautenschild angebracht. In der Kirche ist das Grab des Heiligen und seiner Söhne. Sein Haupt ist auf dem Altare zur Verehrung aufgestellt und seine Lebensgeschichte in Bildern an die Wände gemalt. Der Sterbetag wird zu St. Gerold und Maria Einsiedeln festlich begangen.


Quelle: Die Sagen Vorarlbergs. Mit Beiträgen aus Liechtenstein, Franz Josef Vonbun, Nr. 228, Seite 180