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MERBOTH, DIEDO UND ILGA

Der Innere Bregenzerwald war früher einmal eine Alpe, die zum Teil den alten im Jahre 1158 erloschenen Grafen von Bregenz gehörte und von den Benediktinern des Klosters Mehrerau im zwölften und in den folgenden Jahrhunderten urbar gemacht wurde. Als die ersten Niederlassungen treten Alberschwende, Schwarzenberg und Andelsbuch ans Licht. Diese drei Orte sind die Stätten, wo die Geschwister Merboth, Diedo und Ilga ein selig Leben führten. Sie stammten nach der Sage im elften Jahrhundert aus dem Geschlechte der Grafen von Bregenz.

Merboth trat in der Jugend in das Kloster Mehrerau, wurde zum Priester geweiht und später in die Seelsorge nach Alberschwende gesendet. An einem Sonntagnachmittag betrat Merboth eine Bauernhütte und heilte ein krankes Kind durch Auflegung der Hände. Als er die Hütte verließ, töteten ihn Bösewichter mit Prügeln. An der Stätte des Märtyrertodes wurde dem seligen Merboth zu Ehren eine Kapelle errichtet, die später, 1744, durch die größere noch heute bestehende St.-Wendelins-Kapelle ersetzt wurde. Darin steht eine Bildsäule des Seligen auf einer steinernen Tafel. Diese ruht auf vier steinernen Füßen über einer offenen schmalen Vertiefung. Hier soll Merboths Grabstätte sein. Ganz in der Nähe dieser Stelle ist unter dem Fußboden der Kapelle eine kleine Quelle, zu der man auch außerhalb der Kapelle durch einen sehr schmalen Gang sich hindurchdrängen kann. Das Wasser wird von augenkranken Wallfahrern als Heilmittel benutzt. Insbesondere ruft man den seligen Merboth für kranke Kinder an. Kleiderstückchen von Kindern legen fromme Wallfahrer der erwähnten Statue auf die Arme und legen die Kinder selbst auf jene steinerne Tafel. Als Dankeszeichen für wunderbare Hilfe hängen an der Wand der Wendelinskapelle bei der Statue des Seligen zahlreiche Votivtäfelchen und wächserne Abdrücke von kindlichen Gliedmaßen. Auch ein kleines Gemälde ist da zu sehen, das eine Volkssage darstellt: Ein frommer Schuster war ein besonders andächtiger Verehrer des seligen Merboth. So oft er frühmorgens auf sein Tagwerk ging, kehrte er in der Kapelle ein und verrichtete da sein Gebet. Als er starb und seine Leiche an der Kapelle vorübergeführt wurde, läuteten die Glödslein allzumal im Turm von selbst.

Diedo war ein leiblicher Bruder des seligen Märtyrers Merboth. Er floh den Glanz seines gräflichen Hauses und begab sich in jene Gegend des Bregenzerwaldes, die heute Andelsbuch heißt, damals aber ein finsterer Urwald war. In dieser Wildnis wollte Diedo als Einsiedler Gott dienen. Er baute sich eine kleine Zelle mit einem Bethaus, begann mit der Ausschwendung im dichten Wald ringsum, machte das Feld urbar und verband so das Gebet mit der Arbeit. Im Jahre 1097 entschlief er gottselig im Herrn. Über seinem Grab erhob sich bald die Pfarrkirche von Andelsbuch. Noch im Anfang des 18. Jahrhunderts legten Weiber, um dem Seligen ihre Verehrung zu zeigen, Kleidungsstücke auf sein Grab, das mitten in der Kirche zu sehen war. Im Jahre 1718 wurde die Pfarrkirche auf dem gleichen Platze neu gebaut, und seit der Zeit ruhen die Gebeine Diedos an der Kirchenmauer gegen Norden in einem eigenen kleinen Gemäuer zwischen dem Seitenaltar und der Kirchenmauer.

Die fromme Sage erzählt weiter: Diedo und seine Geschwister Merboth und Ilga haben einst dort, wo jetzt zwischen dem Pfarrdorf Egg und Andelsbuch die "Pfisterbrücke" ist, voneinander Abschied genommen und geweint, und daher sei das Bächlein immer trübe. An den frommen Einsiedler erinnert auch noch ein Brünnlein, das gegen Morgen etwa vierzig Schritte von der Pfarrkirche in Andelsbuch entfernt rieselt und bis auf den heutigen Tag Diedobrünnlein heißt, weil ehedem der Selige an diesem Brünnlein den Durst gestillt.

Ilga, auch Hielta genannt, die leibliche Schwester Merboths und Diedos, verließ auch ihr elterliches Haus und zog in den Bregenzerwald, um sich dem beschaulichen Leben zu widmen. Hoch oben auf dem Lorenapaß, über den der Weg von Alberschwende nach Schwarzenberg führt, nahm eines Tages Ilga von ihren Brüdern Merboth und Diedo Abschied, und zwar an einer Stelle, wo aus hartem Gestein eine Quelle vortrefflichen Wassers hervorsprudelt, das auch bei der größten Winterkälte nicht gefriert. Ilga faßte nach herzlichem Abschied aus dieser Quelle Wasser in ihre Schürze und trug es mit sich nach ihrem Einsiedlerhüttlein. Sie hatte es etwa eine halbe Stunde von der nachmals erbauten Pfarrkirche von Schwarzenberg aufgeschlagen und vermißte da Wasser. Dreiviertel Stunden weit hatte Ilga schon das Wasser in der Schürze getragen, da verschüttete sie nicht weit von ihrer Einsiedelei etwas davon. An der Stelle entsprang alsogleich ein Quellchen, das noch heute zu sehen ist. Das übrige Wasser brachte sie glücklich in die. Zelle, goß es auf den Boden, und siehe! auch da sprudelte sogleich eine Quelle des vortrefflichsten Wassers, die heute noch den Namen Ilgaquelle hat. Die Einsiedlerin starb in ihrer Zelle im Jahre 1115, und über ihrem Grabe wurde später die Pfarrkirche Schwarzenberg gebaut. Das Wasser der Ilgaquelle wird wie jenes in der Wendelinskapelle zu Alberschwende häufig von Augenkranken benutzt.


Quelle: Die Sagen Vorarlbergs. Mit Beiträgen aus Liechtenstein, Franz Josef Vonbun, Nr. 222, Seite 173