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'S Steäckowiibli

In früherer Zeit, als Hohenems noch keine eigene Pfarrei hatte, lebte auf der Emser Reute in der Parzelle Steckenwegen ein altes Weiblein. Dieses war sehr fromm und kam trotz des weiten Weges jeden Sonntag nach Lustenau, um der hl. Messe beizuwohnen. Die Kirche, die später von den Hochwassern des Rheins weggerissen wurde, stand damals im obern Teil der Gemeinde. Auch in der Heiligen Nacht stieg das alte Mütterlein vom Berg herunter und nahm während der Christmette in der Kirche seinen gewohnten Platz ein. Um den schmalen, oft verschneiten Pfad besser finden zu können, ging es stets an einem Stecken. Sei es aus diesem Grunde oder weil es von der Parzelle Steckenwegen kam, im Volksmund wurde es nur „'s Steäckowiibli“ genannt.

Da kam es, daß eine furchtbare Krankheit, die Pestilenz, unser Land heimsuchte. Die gefürchtete Seuche, die Hunderte von Menschen in kürzester Zeit hinwegraffte, fand ihren Weg bis in die entlegensten Weiler, so auch auf die Emser Reute. In seiner Angst und Not versprach das fromme Weiblein, sein Hab und Gut der Kirche in Lustenau zu schenken, wenn es der Allmächtige vor dem „Schwarzen Tod“ bewahre. Wie durch ein Wunder blieb dann auch das gottesfürchtige Mütterlein als einziger Mensch in der Parzelle von der Pest verschont. Noch zu ihren Lebzeiten löste die fromme Alte ihr Gelübde ein und trug ihr Geld in die Pfarre Lustenau. Der damalige Pfarrherr verwendete die Stiftung zum Ankauf einer kleinen Glocke.

Noch einige Jahre pilgerte das Weiblein in der Heiligen Nacht nach Lustenau in die Christmette. — Einmal aber blieb sein Platz in der Kirche leer und vor der Mette fing das Glöcklein von selbst zu läuten an. — „'s Steäckowiibli“ war gestorben ...

Seit Menschengedenken wird nun alljährlich vor der Christmette mit diesem Glöcklein geläutet und es heißt dann allgemein: „Ma lüt dorn Steäckowiibli, jetz marschat as acha v'r Emsar Rüti“.

Die Sage wird noch in einer anderen Fassung erzählt, in der Pest und Gelübde nicht erwähnt werden. Es heißt darin lediglich, daß „'s Steäckowiibli“ sein Hab und Gut der Pfarre Lustenau vermachte, die nach seinem Tode aus dem Nachlaß ein Glöcklein kaufte.

Der sagenhaften Herkunft und dem Altertumswert war es zu verdanken, daß die Gemeinde, als sie im Weltkrieg 1914/18 ihr Geläute abliefern mußte, dieses Glöcklein behalten durfte. Als die Pfarrkirche wieder ein neues Geläute bekam, wurde „'s Steäckowiibliglöggli“, denn so wurde es im Volksmund genannt, in die von Hans Hagen gestiftete und im Jahre 1645 erbaute Lorettokapelle verbracht, wo es mit seinem hellen Klang noch heute die Gläubigen zur Andacht ruft.

Literarische Auswertung: „Die Steckenwegerin“ Erzählung von Beno Vetter.

Quelle: Brauchtum, Sagen und Chronik, Hannes Grabher, Lustenau 1956, S. 17