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Aus der Rankweiler Chronik - Von der Haidenschaft [Heidenschaft]

Anno Domini 1187 wahre an der Sonen ain solche Finsternus, das mann bey dem Tag die Sternen hat mögen sechen als wie bey der Nacht. Zuvor Anno Domini 1157 in September hat man 3 Sonen an dem Himel gesechen. Die Haidenschaft hat den Anfang genommen.

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Wan ain Mensch etwas lobwürdiges gethan oder ain Khunst erfunden, seyen es Weib oder Manspersohn gewesen, so hat man sie nach ihrem Todt für ein Gott oder Gotin gehalten, sie mit Bilder abgebildeth. Aus welchen Bilder der Teufel öfters geredt, zukhünftig Sachen vorgesagt. Da haben die Menschen disen Bildertempel gebaueth, sie angebetheth und göttliche Ehr erwisen. Die Blindhaith der Haiden ist soweith khommen, das sie zames Viech und abscheuwlich Thier für Gott gehalthen und angebethet, auch Böm aus welchen der Teufel gered und andere erdichte Sachen haben sie für Gott gehalten und angebethet, wuderliche und narische Ceremonien darbey geübet und dabey gedanzet.

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Die Abgöttin Rätia hat gewohnet zue Ranckhweil zu der Zeit der Haidenschaft. Dise hat durch ihr Zauberkunst vil Gauglereien getriben. Sie hat von dem Teufel nathürlich erfahren Eißen und Stachel zusammen zu schwaizen. Wegen disem zwar nüzlichen Werckh haben die Haiden hie nach ihrem Absterben ihr zur Danckhbarkait ihren Leib verbrenth und die Aschen vergraben. Und das ist geschechen zur Fasnathzeith, haben auch ihr zu Ehren den Gözentempel gebaueth und ist als ain Göttin darin vererth worden, biß der Heilige Apostel Petterus ihr Bildnus zertrümerth und den Tempel Christo Jesu eingewichen. Die Haiden haben ale Jahr in der Fasnacht auf dem Plaz, alwo die Aschen vergraben ihr zu Ehren Feür aufgemacht, Funckhen und Fackhlen gebrenth, auch feurige Scheiben geworfen. Welches Scheibenschlagen an von den Althen genanthen Alten oder Khüeckhle Fachtnacht geschechen. Nach ieziger Zeit geschieht also nach Einfunckhen der Abgötterey ist, daß Palmenbrenen ist zwar ain christlicher Brauch, weilen sie gewichen und ain beßere Meinung darbey gemacht würdt. Dise Vetel Rätia ist zu der Zeit der Haidenschaft vererth worden durch Grauwbünthen, Schweizerlandt und durch das römische Reich und dise Örther vor althen Zeiten Rätia genanth wurden.

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Daß Tanzen hat den Anfang zue erster Zeit der Haidenschaft also genomen. Also ains Mahls an einem gewisen Orth und Land vihl Volckh beysamen wahre, da hat sich der Teufel in Gestalth aines Oxen hoch in den Lüften sechen laßen und dan-zeth. Laseth sich tanzenth nach und nach miten under das Volckh und stet stil. Das Volckh tanzeth umb den Oxen in Ring umb. Es sey genueg die Boßhaith des Tanzen zu erkennen ab deme, weilen die Haidenopfers nackhenth wie sie Gott erschafen ofentlich getanzeth haben und dergleichen gemahl noch anzutreten seindt. Also ist der Teufel der Uhrheber des Tanzen.

Quelle: Rankweiler Chronik von Johannes Häusle in zwei Teilen (1746/1758), Ilse Wegscheider, Dornbirn 1991, S. 47f