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Der Totenzug

In früher Zeit wollte niemand am Glöggliobat [Glöckelabend, ein Winterbrauch] sterben.

An dem Tag geht das Kirchenjahr zu Ende, und wer da Letzter in dem Friedhof ist, muß für das ganze neue Jahr den Friedhofwächter machen. An der einen Gittertür hat er seinen Platz und muß gegen die bösen wüstschwätzenden unflätigen Geister kämpfen.

Deshalb beten Stubenkranke und machen ein Gelübde, um noch über diesen Abend zu leben.

Am Glöggliobat sieht man auch um Mitternacht alle, die im neuen Jahr sterben müssen, durch den Friedhof einen Umgang halten wie beim Opfergang am Sonntag in der Kirche.

Der Mesner auf Bartholomäiberg glaubte das aufs Wort und wollte die Geisterprozession selber sehen. Zwischen zwölf und eins stand er vom Bett auf, zog sich schnell an und ging unter dem trüben Novemberhimmel hinüber zur Kirche.

Und wirklich kam über eine Weile ein langer schwarzer Zug zwischen der Kirchenmauer und den Kreuzen hergeschritten, langsam an ihm vorbei. Zuletzt lief einer gespensterhaftig hinterher, dessen Gesicht er nicht kannte. Der trug einen roten und einen blauen Strumpf.

Als der Mesner heimkam, ward er gewahr, daß er in der Hast selbst einen blauen und roten Strumpf angezogen hatte.

Und im selben Jahr lag er im Sarg.

Quelle: Richard Beitl, Sagen aus dem Montafon, in: Schwäbische Monatshefte 1930, S. 558f, zit. nach Sagen aus Vorarlberg, Hrsg. Leander Petzoldt, München 1994, S. 51