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Der tote Senn

Auf der Alp Alpila, da kehrte vor altem oft ein Jäger beim Senn zu und hat übernachtet.

Dann zündeten sie ein Spanlicht an und hatten das Gespräch über die Regierung und den Weltlauf, und auch mit der Religion hatten sie es oft.

Jedesmal ist der Senn dann fast erwildet und rief im Zorn: „Mach mir keine Märlein vor, nach dem Tod ist alles aus.“ Nach vielen Jahren - der Senn war schon gestorben — mußte der Jäger wieder einmal in der Alpe nächtigen.

In der Nacht wurde er nicht gar höflich aufgestört, und der Senn stand vor seiner Pritsche und sagte: „In der Hütte kannst du hienacht nicht bleiben.“

Da entgegnete der Jäger: „Wie soll ich in die stockdunkle Nacht hinaus? Ich find den Weg doch nicht und kann höchstens erfallen.“ Darauf der Senn: „Lug du, daß du weiter kommst. Auf den Heimweg will ich dir schon zünden, daß du hell genug hast.“ Aber der Jäger ist nicht auf von der Pritsche, sondern erinnerte den Senn an frühere Freundschaftlichkeiten und Gespräche. Der Senn war ziemlich kurz:

„Leben aus, Freundschaft aus.
Nach dem Leben [ist] nicht alles aus!
Pack dich jetzt zum Loch hinaus.“

Auf das hat sich der Jäger da zuweg gelassen und vor ihm her war es wie eine feurige Säule. Und die Kneisten und Funken spritzten heraus, und hell war der ganze Weg, daß er jeden Grashalm sah und jedes Steinlein.

Aber gesunde Stunden habe der Jäger nach dieser Begegnung trotz seiner Schneid keine mehr gehabt.

 

Quelle: Richard Beitl, Sagen aus dem Montafon, in: Schwäbische Monatshefte 1930, S. 558 zit. nach Sagen aus Vorarlberg, Hrsg. Leander Petzoldt, München 1994, S. 44f