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Der verhexte Stall

Einmal war ein Stall verhext. In der Nacht sah man darin ein großes Feuer brennen. Wenn man aber herbeieilte, um es zu löschen, dann war's ringsum dunkel.

Hie und da waren die Rösser und Kühe in der Nacht unruhig, und in der Frühe hatten die Rösser gezopfte Mähnen und den Schwanz aufgebunden, und sie standen schweißtriefend da. Die Kühe aber waren zu zweien mit einer Kette zusammengekoppelt an die Krippe gebunden, und es war schwer, sie voneinander zu trennen.

Einmal gab die beste Kuh keinen Tropfen Milch mehr. Der Bauer klagte seine Not einem erfahrenen Mann. Der gab ihm den Rat, ein Fläschchen mit Wasser der Kuh anzufüllen, das Fläschchen gut zu verschließen und auf den Ofen zu stellen. Das treibe die Hexe her, wenn er drei Tage an niemanden etwas ausleihe. Noch am gleichen Tag kam die Nachbarin, ein altes Weiblein, ins Haus und bat um Feuer, das Feuer sei ihr ausgegangen und sie möchte gern kochen. Der Bauer sagte, er habe selber kein Feuer. Am ändern Tag kam sie wieder und wollte sich eine Mistgabel borgen. Der Bauer sagte, er brauche sie selber. Am dritten Tag kam sie abermals und wollte Mehl entlehnen. Der Bauer sagte zornig, er leihe nichts her und wies ihr die Tür.

Da fing die Alte zu weinen und flehen an, man solle ihr doch um Gottes willen diese Bitte nicht abschlagen. Der Bauer schrie: „Du bist eine Hexe, die meine Kuh um die Milch gebracht hat!“ Da schrak sie zusammen und gestand, was sie getan hatte, und sie fiel vor ihm auf die Knie und bat um Verzeihung, denn nie, nie mehr würde sie sich zu so niedrigem Tun verleiten lassen.

Der Bauer verzieh ihr, aber ob sie ihr Wort wirklich gehalten hat, das weiß ich nicht.*

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Vor langer Zeit war im Vergalda (Flurname) eine Sennerin, und jedesmal wenn sie am Abend zum Melken gegangen ist, hat sie die Stalltüre hinter sich zugeschlagen und vom schlechtesten Kühlein den größten Eimer voll Milch gemolken, so daß alle Alpleute nichts anderes gemeint haben, als daß sie hexen könne. Einmal geht daher ein Alpmeister und sagt: „Ei, Sennerin, sag mir, wie melkst du deine Kühe?“ Aber die Sennerin will zuerst nicht heraus mit der Sprache und erst, als er gar nicht nachgibt, sie zu bedrängen, sagt sie: „Wenn du die schönste Kuh daran wagen willst, so will ich dir zeigen, wie ich meine Kühe melke.“ „Es sei ein Wort“, gibt ihr der Alpmeister zur Antwort, „schau jene schöne Kuh dort auf dem Hang droben, sie hat eine prächtige Kuhglocke und schreitet stolz den anderen voraus - diese wage ich dran.“ Daraufhin sagt die Sennerin: „So will ich sie melken.“ Der Alpmeister will sich auf den Weg machen und die Kuh zum Melken vom Hang herabholen, aber die Sennerin sagt: „Das braucht es alles nicht, laß die Kuh droben“, und schlägt vier Zapfen in die Stallwand und fängt an zu melken an diesen Zapfen, und sieh an! Es kommt aus dem Holz Milch geronnen in vier fingerdicken Brünnlein, daß man nicht genug Geschirr in der Hütte aufgebracht hat. Nach und nach sagt aber die Melkerin: „Jetzt sollte man aufhören zu melken, es könnte sonst Blut kommen.“ „Das macht nichts“, sagt der Alpmeister, „melke du weiter“, und die Sennerin melkt und melkt und richtig, nach und nach fließt Blut anstatt Milch aus den Zapfen und nach einer Weile fällt die schöne braune Kuh mausetot herab vom Hang.**

 

Quelle: *Vorarlberger Volkskalender 1964, S. 96, zit. nach Sagen aus Vorarlberg, Hrsg. Leander Petzoldt, München 1994, S. 26f
** Franz Josef Vonbun, Gargellener Sagen, in: Feierabend, 18. Folge (1933), S. 210, zit. nach ebenda S. 27f