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DAS ROTE SCHLÜTTLI

Ein Fenggenmäntschi hat sich einmal auf einer Alp im Sommer angetragen, die Kühe zu hüten, und zwar ohne Kost und Lohn. Die Gemeinden haben freilich eine Freude gehabt mit einem so wohlfeilen Hirten und haben es gedinget. Das Mäntschi ist eingestanden und hat sich auch gut angelassen und seine Hab fleißig und ordentlich gehütet, und das Vieh ist dabei leibig gewesen und hat wacker Milch gegeben. Aber, ich weiß nicht wie, besondere Fisten hat das Hirtschi doch gehabt; es ist nie in eine Diehja gekommen, hat das Vieh nie weiter als bis an den Stofel zum großen, gemalten Kreuz getrieben und ist dann weidlich dem Wald zu. Am Morgen aber hat es schon wieder beim ersten Dimmern auf das Auslassen gewartet. Ungefähr um Micheli um hat ihm dann die Sennin ein rotes Schlüttli gemacht und ihm es ober den Stofel auf eine Steinplatte gelegt, und wie das Mäntschi das rote Schlüttli sieht, so fängt es überlaut an zu lachen, schlüpft in den neuen Staat, dreht sich im Kreis um auf dem Stein und ruft:


"A so an schöna, weecha Ma
Nömma hüeta ka",


springt auf und davon, und weder Stob noch Floh ist vom selben Mäntschi mehr zu sehen gewesen.


Quelle: Die Sagen Vorarlbergs. Mit Beiträgen aus Liechtenstein, Franz Josef Vonbun, Nr. 162, Seite 133