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Prazalanz, die untergegangene Stadt

Überdies gab mir ein Purtscher von Lorüns vor, der in den achtziger Jahren (also in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts) mit einem Narren in das Narrenhaus nach Linz gereiset war, daß er dort in dem Gasthaus, wo sich auf den Abend mehrere Herren in Gesellschaft versammelt haben, über die Stadt Prazalans seie befragt worden; da er ihnen keine Auskunft geben konnte, so haben diese auf den anderen Abend eine alte Chronik mitgebracht, wo die Stadt, auch die Zeit und Art der Zerstörung nebst der Anzahl der Gebäuden ein, in und um die Stadt beschrieben war. Davon wußte derselbe doch nichts Weiteres zu erzählen, als daß in dem Berg ein See gewesen sei, der bei langer rauher Witterung den Berg ausgedrückt habe. Ein ähnliches vernahm ich von einem Segesenhändler (Sensenhändler) Baal (?) von Lorüns, der bei einem Pfarrer im Badischen eine Chronik angetroffen habe, wo die Stadt Prazalans nebst der Art ihrer Überschüttung beschrieben sein solle. Des Rechenmachers Bruder von Bürsch (Bürs), welcher im Französischen verheiratet war, gab vor, da er anno 1813 nach Hause kam, daß er in Frankreich eine Chronik oder Buch besitze, in dem alle uralten Städte aufgezeichnet und beschrieben seien, wo auch nebst dem Kupferstich die Stadt Prazalans enthalten sein solle. Des Rechenmachers Bruder befindet sich bei dem Tiroler Jägerkorps. Überdies vernahm ich noch von Franzisk Valaster Wirth in St. Antoni, welcher als Büchsenschmid in Walis arbeitete, daß dort der Pfarrer das Prazalans als ein Beispiel des strafenden Gottes der Gottlosigkeit wegen zur Warnung seiner Pfarrkinder in der Predigt angeführt habe.

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Bei einem Ausfluge nach Montafon im Frühlinge 1879 besah ich die Stelle und erkundigte mich in derselbigen Gegend um die heutige Sage. Man nennt die fabelhafte Stadt Prastalanz. Ein 55 Jahre alter Mann von Bartholmäberg erzählte mir, daß er als Hirtenknabe in einem Loche, aus dem ein „Gypsbach“ herausfloß, Gesimser, mit Messing beschlagene Hölzer und auch einen Löwen mit einem Reife im Maule herauszog. Die Sage bezeichne auch die Lage der Kirche von Prastalanz, sie sei fünfzehn bis zwanzig Schritte von St. Antoni gewesen. Auch Schatzgräber trieben ihr Unwesen in der Gegend, um nach den vergrabenen Schätzen zu suchen. Die Sage malt bis ins Detail den Untergang aus. Der Pfarrer sei eben traurig vor dem Pfarrhofe gesessen, während sich die Einwohner der Stadt unmäßiger Weise und auf höchst freche Art der Tanzlust ergaben. Da habe das Hündchen des Pfarrers in einem fort gewinselt, und durch sein Vor- und Rückwärtsmarschieren den Pfarrer zum Nachgehen aus der Stadt hinaus bewogen. Als er draußen war, habe sich das Unglück ereignet und sei der Bergsturz eingetreten.

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Werle von St. Antoni, gestorben in den dreißiger oder vierziger Jahren, soll den Platz ausgekundschaftet haben, wo die Kirche der römischen Stadt Prazalanz gestanden haben soll; es sei cirka fünfzehn Schritt ober der jetzigen im Föhrenwalde gewesen, kenntlich durch eine kleine Vertiefung. Werle sei es gelungen, durch den Kirchturm hinabzukommen in die Sakristei, aus der er einen Rauchmantel heraufgebracht, der jetzt der schlechteste in Bartholmäberg sei. Er stieg nochmals hinab und wollte die Monstranz, welche in der vergrabenen Kirche noch ausgesetzt gewesen, heraufholen; das sei ihm nicht mehr gelungen, es sei ihm der Mund verrissen worden. (Er soll wirklich einen verrissenen Mund gehabt haben, vielleicht vom Lügen.) Auch will man noch wissen, daß vor dem Untergang der üppigen Stadt, welche selbst mit dem herrlichsten Weizenbrote den abscheulichsten Mutwillen getrieben, Geißhirten öfters gemahnt, daß der überhängende Berg herabstürzen könnte, aber vergebens. Auch will man Häfen und Kisten mit Münzen heraus gegraben haben.

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Von einem alten Mann, Mathias Egstler von Lorüns, vernahm ich, daß die Stadt Bludenz erst nach der Zerstörung Prazalans ganz abgebrannt sein solle, auch daß die Stadt Bludenz seit ihrer Entstehung schon dreimal ganz abgebrannt sei, wodurch die alten Schriften zugrunde gegangen. Das letztemal ist Bludenz im Jahre 1638, den 1. November, durch gelegtes Feuer auf dem Abend um halb sechs Uhr in zwei Stunden ganz abgebrannt, mit den benachbarten Schriften und Urbarien, die da aufbewahrt wurden, wie Hieronimus Zürcher kaiserlich königlicher Notarius zu Bludenz bei Erneuerung des Urbarium von St. Anthöni in dem Eingange anno 1639 bemerkte.

 

Quelle:Joanna Baptista, Prazalanz, in: Rechenschaftsbericht des Ausschusses d. Vorarlberger Museumsvereins in Bregenz, Nr. 19, Bregenz 1879, S. 57ff., zit. nach Sagen aus Vorarlberg, Hrsg. Leander Petzoldt, München 1994, S. 281ff