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Das Kirchlein Maria Schnee

In Gaschurn steht auf einem kleinen runden Hügel an der Ill das hübsche Kirchlein Maria Schnee, und weiter oben an der Straße sieht man ein mächtiges, steingebautes Haus; halbverwittert, mit altmodischen Stuckverzierungen an der Tür und den Fenstern, macht es einen zerfallenen, schwermütigen Eindruck.

Der Mann, der diese Bauten vor alters aufführen ließ, - es sind wohl an die dreihundert Jahre her, - war ein Kriegsmann und hieß Lukas Tschofen. Vor wenigen Jahren noch zeigte man im Hause sein Bildnis: Er, hoch zu Rosse, mit einem Walmhut und neben ihm auf weißem Zelter sein Ehegemahl.

Er war ein Montafoner und zog als Landsknecht mit den Fähnlein durch die Welt da draußen. Unendlich reich war er, da er wiederkehrte ins Tal; Gold und Silber hatte er zusammengetan, man wußte nicht wie.

Als er anhub sein Haus zu bauen, sammelte er soviel Steine, daß beide Bündten nebenan damit angefüllt waren. Da ward er krank und groß war der Jammer: "Wenn der Tschofen stirbt, so verganten die Wiesen im Tal!" - Er aber gelobte, wenn er wiederum gesunde, ein Kirchlein zu bauen, wo es im Sommer schneie. Und siehe, es schneite auf jenem Hügel an der Ill, daß er ward ein weißer Fleck im grünen Tale, und der Tschofen genas und baute das Kirchlein und nannte es "Maria Schnee".

Die Steine aber, die er für sein Haus gesammelt, langten nicht weiter als für die Kellerwölbungen, so groß baute er. Im ganzen Lande war kein so prächtiges Haus. Mancherlei Zierat von Stuckarbeit war daran und rings um das zweite Stockwerk lief ein Säulengang.

Stuben und Gaden aber füllte der Tschofen mit kostbarem Getäfel und Schnitzwerk und teuren Schlössern an Truhen und Türen. Die Schlosserarbeit allein hatte hundert Gulden gekostet. Als jedoch nach Jahren das Haus verkauft werden mußte, wurde für den ganzen Bau nur soviel gezahlt, denn niemand im Montafon konnte mehr Geld aufwenden.

Es war über seinem Reichtum wie ein Verhängnis: Bei des Tschofen Tode hatten die Kinder das Silber in Scheffeln geteilt, aber schon die Enkel sind betteln gegangen.

Quelle: Anna Hensler, in: Rund um Vorarlberger Gotteshäuser, Heimatbilder aus Geschichte, Legende, Kunst und Brauchtum, Bregenz 1936, S. 61