SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Vorarlberg >> Montafon

   
 

Die zwei Hexen im Cavatal

Der Weiler Cavatal liegt am linken Ufer der Ill, gerade dem zur Pfarre St. Gallenkirch gehörenden Dorfe Gortipol gegenüber, und besteht aus mehreren verstreut gelegenen Häusern. Eines davon, ziemlich weit von den übrigen entfernt, bleibt schon seit längerer Zeit unbewohnt.

Nach einem in St. Gallenkirch allgemein verbreiteten Gerüchte lebten in diesem unheimlichen Hause ehedem zwei alte Weibsbilder, welche die ganze Gemeinde für Hexen hielt. Dies ist nicht gar so lange her, denn die Mutter meines Erzählers, welche im Jahre 1851 das Zeitliche segnete, hatte dieselben noch ganz gut gekannt. Weil in dem ebenfalls an der Schattenseite liegenden Maisäß Grandau noch heutzutage fast jedes Jahr einzelne Rinder oder Kühe insoweit erkranken, daß sie Blut harnen - truaba heißt dies der Montafoner Bauer—, so behaupten manche Leute, diese Krankheit rühre von den genannten Hexen her, welche diesen Maisäß verwünscht und verflucht hätten, weil man ihre Ziegen nimmer bei der Herde geduldet.

Indes man spricht gewöhnlich nur von alten Hexen, als wenn es keine jungen gegeben hätte. Unsere zwei Hexen waren auch einmaljunge und schöne Mädchen gewesen. Ein strammer Gortipoler Bursche hatte sich in die ältere verliebt und besuchte sie öfter im Heimgarten, ohne daß er von ihrer Teufelskunst die mindeste Ahnung gehabt hätte. Da war der „Funka-“ oder „Küachlisonntig“ (der erste Fastensonntag) gekommen, an dem man im Montafon ebenso wie in dem benachbarten Paznaun verschiedenartige Kuchen („Küachli“), Krapfen und Strauben zum Nachtmahle bäckt, worauf die ledigen Burschen noch gern zu den hübschen, lebensfrohen und unterhaltenden Mädchen des Dorfes oder dessen Nachbarschaft auf den Heimgarten gehen.

Der Gortipoler hatte sich schon nachmittags, wie das gleichfalls üblich ist, in dem etwas anrüchigen Hause seiner Geliebten im Cavatal eingefunden. Diese war gerade mit „Küachlibacken“ in der Küche beschäftigt, während ihre jüngere Schwester in dem nahen Stalle das Vieh versorgte. Der Bursche wartete lange in der Wohnstube, bis sein heißgeliebtes Mädchen kommen und ihm traute Gesellschaft leisten würde. Doch alles Warten schien ihm diesmal vergeblich. Da trat er, von Ungeduld und Langweile getrieben, leise in den Hausflur hinaus, in dessen unterer (der Stubentüre gegenüberstehender) Wand ein. Fensterlein angebracht war, durch welches man gerade auf den Küchenherd sehen konnte. Der Gortipoler blickte neugierig durch diese Öffnung und bemerkte zu seiner größten Verwunderung, wie seine Geliebte die gebackenen Küachli mit dem „Küachlispitz“ einzeln aus dem heißen Schmalze nahm und gegen den Kamin emporhielt, worauf sie dann dieselben in einen bereitstehenden Teller legte. Der Bursche, dem diese Art des Küachlibackens höchst sonderbar und verdächtig vorgekommen sein mochte, zog sich unbemerkt in die Stube zurück und spürte in sich zum Küachliessen keine Lust mehr. Wie daher in Bälde die Geliebte mit einem Teller voll Küachli eintrat und ihn einlud, dieselben zu essen, so schützte er plötzliches Unwohlsein vor, so daß er es nimmer wage, die angebotenen Küachli zu verzehren, vielmehr sich genötigt sehe, sofort nach Hause zu gehen. Dem Mädchen ging, wie es den Anschein hatte, diese Unpäßlichkeit ihres Liebhabers nicht sonderlich zu Herzen; sie packte einfach die Küachli in sein Sacktuch und schob sie ihm in die Rocktasche. Der Bursche nahm kühlen Abschied und begab sich auf den Heimweg.

Unterwegs traf er die ihm wohlbekannte Magd des Gortipoler „Herrn“ [Pfarrer], welche soeben dessen Vieh zu füttern willens war. Er trat mit ihr in den Stall und ließ hier alsbald die Bemerkung fallen, er habe heute von seinem Mädchen im Cavatal Küachli zum Mitnehmen bekommen, welche ihm durchaus nicht gefielen; er fragte sie, ob er dieselben nicht dem Schweine zum Fräße geben dürfte. Natürlich wurde ihm dies ganz gern erlaubt. Da packte er die verdächtigen Küachli aus und warf sie dem Schweine in den Trog. Dieses fraß eines nach dem anderen mit ungewöhnlicher Gier, und als es alle verschlungen hatte, verlangte es mit größtem Ungestüm noch mehr zum Fräße. Plötzlich rannte es wie „besessen“ in seinem Koben herum, hüpfte sodann über die Bretterwand in den Kuhstall und schoß mit Windeseile bei dessen halbgeöffneter Tür ins Freie hinaus. Von hier lief es, schrecklich grunzend, fort, setzte über die Ill und eilte wütend nach dem Hause, von dem die berüchtigten Küachli herrührten. Doch die Türe war fest verriegelt, daß es nicht eindringen konnte. Da lief das Schwein rasend um das Haus herum, suchte mit aller Gewalt an dessen Wänden auf das Dach zu klettern und ruhte nicht, bis es verendete. Auf diesen Vorfall hin trug der Gortipoler Bursche kein Verlangen mehr, dieses teuflische Haus im Cavatal nochmals zu besuchen, und ließ seine Geliebte für immer fahren.

Nach dem Tode dieser zwei Hexen blieb ihr verrufenes altes Haus öde und verlassen. Nur vorübergehend hätten sich später zuweilen Buben und Mädchen in dieser Hütte eingefunden, um daselbst, geschützt vor der Öffentlichkeit, ihre ortsüblichen, damals nicht mehr geduldeten Tänze aufzuführen. Bei dieser Gelegenheit sei einmal des Nachts ein „Hedox“ (Eidechse) über die „Schwergla“, woran die „Lutscherna“ hing, beständig auf und ab gekrochen, und alle Versuche, dieses sonst flüchtige, damals aber so kecke Tierchen zu verscheuchen, seien misslungen.

Quelle: Christian Hauser, Sagen aus dem Paznaun und dessen Nachbarschaft, Innsbruck 1894, S. 30ff, Nr. 20, zit. nach Sagen aus Vorarlberg, Hrsg. Leander Petzoldt, München 1994, S. 29ff