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Heilige Schädel und Totenköpfe

Dass zu Zeiten, als in der alten Fridolinskapelle auf dem Rankler Liebfrauenberg noch eine große Menge an Knochen gelagert war, gelegentlich von einem Wallfahrer ein Schädel als „Andenken“ mitgenommen wurde, ist eine Tatsache. So berichtet es jedenfalls der bereits einmal erwähnte Dr. Andreas Fusangel, Pfarrer in Rankweil, vor etwa neunzig Jahren in seiner Chronik. So ein Totenschädel war eben doch etwas Besonderes, und zwar bereits in ältesten Zeiten.

Unwillkürlich fallen einem vielleicht die alten Kelten ein, von denen berichtet wird, es sei bei ihnen Sitte gewesen, getöteten Feinden die Köpfe abzuschneiden, diese an die Sättel ihrer Pferde anzuknüpfen, um sie später über der heimatlichen Hoftüre aufhängen zu können. Bei solchen Schilderungen regt sich wahrscheinlich ein gewisser Widerstand, derartige Kerle als Auch-Vorfahren zu akzeptieren, denn schließlich saßen solche Kelten auch einstens in Brigantion, unserem heutigen Bregenz. Doch wer weiß, ob es uns mit anderen Vorfahren anders ergangen wäre, galt so ein Kopf doch als der Repräsentant des Toten, und der Schädelkult war in vorgeschichtlicher Zeit entsprechend weit verbreitet. Das Christentum hat - so wie vieles - auch dies übernommen, und so kamen manche Schädel oder wenigstens Hirnschalen von Heiligen zu hohen Ehren, jene der hl. Walburga und des hl. Apostels Bartholomäus zum Beispiel, um nur gerade zwei zu nennen. Auch die Sitte, aus solchen Hirnschalen Trinkgefäße zu verfertigen, zieht sich ungebrochen bis in die jüngste Zeit herauf, wenn man vom heilbringenden Trinken aus der (angeblichen) Hirnschale des hl. Sebastian in Ebersberg bei München hört.

Auch bei uns galt wie überall in christlichen Landen so ein Schädel eines Heiligen in früheren Zeiten als äußerst wertvolle Reliquie. Nicht umsonst verfolgten einst die Römer unseren Bregenzer Grafenspross, den hl. Gebhard, als er aus der Ewigen Stadt abreiste, wo ihm der Papst gerade die Kopfreliquie eines seiner Vorgänger geschenkt hatte. Es ging dabei allerdings auch nicht um irgendeinen päpstlichen Schädel, sondern um den Gregors des Großen. Gebhard, damals Bischof von Konstanz, brachte das wertvolle Geschenk aber gut nach Hause, da es ihm gelungen war, seine Verfolger abzuschütteln. Als diese ihm nämlich am Po schon ziemlich nahe gekommen waren, hatte er das Kreuzzeichen gemacht, die Fluten hatten sich geteilt, und trockenen Fußes hatte er sein wertvolles Mitbringsel ans andere Ufer und in der Folge in seine Bischofsstadt am Bodensee gebracht. Jetzt konnte es seine endlich mit der Churer Nachbarin aufnehmen, die auf dem Viktorsberg oben schon seit der karolingischen Zeit eine solche Schädel-Reliquie besaß, jene von Viktor I. Der war zwar auch ein heiliger Papst gewesen, doch bei Gregors Kopf handelte es sich immerhin um jenen des berühmtesten Stellvertreters Christi während des ersten Jahrtausends. Viktor I. dagegen war doch eine eher wenig bekannte Persönlichkeit, bei der es außerdem rund um ihre Biografie einige Fragezeichen gab. Bei seiner erhaltenen Kopfreliquie in der Viktorsberger Kirche handelt es sich allerdings nicht mehr um das Original. Die Schädeldecke des sei. Gerold dagegen, die sich noch heute in einer Nische seines Gedenkraums in der Propstei St. Gerold befindet, soll noch die echte Reliquie sein.

Schädeldecke des heiligen Gerold © Berit Mrugalska
Die Schädeldecke des heiligen Gerold (+ 978), Geroldskapelle St. Gerold (Großwalsertal)
© Berit Mrugalska, 17. Oktober 2005

Auch in späterer Zeit war der Wert eines solchen Heiligen-Schädels unbestritten. So gab es um die sterblichen Überreste -und vor allem auch um den Kopf- des Märtyrers Fidelis noch einige Aufregungen. Nachdem der Kapuziner am 24. April des Jahres 1622 in Seewis im Prätigau erschlagen worden war, waren seine Mitbrüder sicher nicht daran interessiert gewesen, sich noch lange in dieser gefährlichen Gegend aufzuhalten, und hatten in aller Eile das Wichtigste ihres Mitbruders, darunter eben den Kopf, nach Feldkirch mitgenommen. Beim zweiten Mal, als der restliche Körper geholt wurde, wollte der zuständige Bischof von Chur nicht leer ausgehen, und so wurden die Reliquien des Heiligen schließlich - verlost. Sigmaringen, die Heimatstadt des Kapuzinerpaters, bekam einen Armknochen, der Leib des bald darauf heilig Gesprochenen kam nach Chur in die Krypta des Doms, und Feldkirch durfte den Kopf behalten. Und dort befindet er sich noch heute. In der Fideliskapelle ist das Haupt des Heiligen in einer vergoldeten Vitrine zu sehen.

Dass sich das Kloster St. Gallen um die Gebeine und natürlich vor allem um den Schädel des hl. Eusebius bemühte, als das Kloster der Minoriten in der josefinischen Zeit aufgehoben wurde, war zu erwarten gewesen. Schließlich war dieser ein irischer Mönch, der nach seiner Ankunft aus seiner Heimat wahrscheinlich einige Zeit in diesem schweizerischen Kloster verbracht hatte. Ob er später wirklich - wie es die Legende erzählt — in Brederis von aufgebrachten Bauern um diesen nun so begehrten Kopf kürzer gemacht worden war, tut dabei im Grunde genommen nichts zur Sache und sollte an der Verehrungswürdigkeit seines Schädels eigentlich nichts ändern. Andererseits ist Eusebius damit natürlich zum Märtyrer geworden, während er sonst eben nur einer jener heiligmäßig lebenden Inklusen geblieben wäre. Nachdem im Jahr 1785 das Viktorsberger Kloster auf kaiserlichen Befehl aufgehoben worden war, wurden die sterblichen Überreste des Heiligen unter feierlichem Glockengeläute und Salutschüssen nach St. Gallen gebracht, und auf diese Art kam Eusebius wieder in jenes Kloster zurück, aus dem er einst ausgezogen war.

Eusebiuslegende © Berit Mrugalska
Detail des Tafelbildes der Eusebiuslegende, Liebfrauenkirche Rankweil
© Berit Mrugalska, 16. Oktober 2005

Was sich damals nach seinem gewaltsamen Tod abgespielt hatte, dürfte bekannt sein: Der Enthauptete nahm seinen abgeschlagenen Kopf mit der Rechten auf, ging damit dreimal in die Runde und trug ihn dann nach Viktorsberg hinauf. In den meisten Legenden erfährt man nicht, wann denn der Mann ohne Kopf nun wirklich gestorben ist. Andreas Ulmer mag dieses wichtige Detail auch vermisst haben und gab deshalb in seiner Darstellung die entsprechende Antwort auf diese Frage: Ein Bildstock auf der halben Höhe des Viktorsbergs bezeichnet die Stelle, bis zu der er, das Haupt tragend, gekommen sei, um dann hier zu verscheiden.

Nach Johann Georg Tibianus dagegen - er hat gegen Ende des 16. Jahrhunderts eine Lebensgeschichte des Heiligen aufgezeichnet - ist Eusebius noch auf den Berg hinaufgegangen und hat erst oben, bei der Viktorskirche, seinen Geist aufgegeben.

Ein großes Gemälde in der Vorhalle der Rankweiler Liebfrauenkirche erinnert an die seltsame Begebenheit. In einem seiner Gedichte schildert der Lustenauer Hannes Grabher, wie ein Wallfahrer in Rankweil beim Betrachten dieses Bildes der irrtümlichen Meinung ist, der Heilige habe seinen Kopf seinerzeit nicht in Brederis, sondern jenseits des Rheins verloren. Sein Begleiter gibt ihm Recht und schildert, wie der Heilige damals sein Haupt genommen habe und damit über den Rhein geschwommen sei. Das leuchtet dem anderen nicht sofort ein, und so fragt er, wo der Heilige denn seinen Kopf während des Schwimmens hingetan habe. „Bischt du a närrschi“, sagt sein Begleiter, „i's Muul heät ar a g'nau!“

Um derart wichtige Reliquien geht es im Folgenden nicht mehr, ab nun liefert eher das gewöhnliche christliche Fußvolk die entsprechenden Köpfe. Da diese üblicherweise nicht in reich geschmückten Vitrinen zu verehren oder zu bewundern sind, begeben wir uns für den nächsten Abschnitt dorthin, wo sie ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Zu einem mittelalterlichen Friedhof gehörte meist auch ein Karner, ein Beinhaus. Dort wurden die exhumierten, gesäuberten, oft aber auch noch mit unverwestem Fleisch behafteten Knochen der Verstorbenen aufbewahrt, um sie vor Verunehrung und Witterung zu schützen. Über allem wachte in der Regel der Erzengel Michael als Seelenbegleiter, und im Untergeschoß, dem eigentlichen Beinhaus, befanden sich die Knochen der Verstorbenen; die Schädel meistens getrennt von den anderen Skelettteilen.

„Sie stehn in Reih geklemmt, die sonst sich hassten,
und derbe Knochen, die sich tödlich schlugen,
sie liegen kreuzweis, zahm allhier zu rasten“, beschreibt Goethe den Anblick.

Kleinere Ortschaften, die kein eigenes Beinhaus hatten, behalfen sich damit, indem man die Gebeine in einem Kirchenanbau aufschichtete. Dort konnten sie von den vorübergehenden Gläubigen dann auch gut mit Weihwasser besprengt werden und mahnten gleichzeitig zum Gebet für die Verstorbenen.

Wovon Norman Douglas in seinen Jugenderinnerungen berichtet, dürfte wohl eher die Ausnahme gewesen sein. Als er und seine kleine Schwester einmal von der „Alten Anna“, ihrer Gouvernante, zur Kirche St. Martin in Ludesch mitgenommen worden waren, entdeckten die zwei „... in einer Gruft eine ansehnliche Anhäufung menschlicher Schädel. Wir zogen vier oder fünf ans Tageslicht und - schoben Kegel mit ihnen.“ Dabei steht mit Sicherheit fest, dass der in Thüringen geborene spätere Schriftsteller und Weltenbummler von Franz Karl Ginzkey und seiner Kegler-Ballade nichts gewusst haben konnte.

Ein eher schlichtes, aber doch eindrucksvolles Beinhaus besitzt auch heute noch Rankweil. Es steht neben der alten St.-Peters-Kirche und stammt aus der Barockzeit. Doch nicht um dieses geht es in der Sage, sondern um jenes in der alten Fridolinskapelle oben auf dem Berg, die bis 1910 als Beinhaus diente und von dem auch der eingangs erwähnte Rankweiler Pfarrherr berichtet. Inzwischen ist es schon längst zu einer Gedenkstätte für gefallene Soldaten beider Weltkriege umgebaut worden.

Da saßen an einem Abend vor vielen Jahren einmal in Rankweil hinterm Berg ein paar junge Leute beisammen und unterhielten sich über dieses und jenes, und schließlich kam man auf das Thema Geister zu sprechen. Unter den Anwesenden befand sich auch Liesa, die Tochter des Rossmetzgers. Sie war bekannt dafür, dass sie sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen ließ. Schließlich war sie von ihrem Zuhause her allerhand gewöhnt; das Gewerbe ihres Vaters hatte es mit sich gebracht, dass sie von klein auf mit Dingen umging, vor denen andere vielleicht gezögert hätten. Sie fand das ganze Gerede überflüssig und meinte, dass es ihrer Ansicht nach eigentlich nichts auf der Welt gebe, das zu fürchten sei; auch vor einem Geist hätte sie kein bisschen Angst, ganz im Gegenteil, dem würde sie's schon zeigen. Da meinte ihr Bruder, der auch in der Runde saß, hinter der Ofenbank sei gut reden. Wenn sie dagegen um Mitternacht zur Liebfrauenkirche hinaufgehe und aus dem Beinhaus einen Totenkopf herunterhole, würde ihn das eher von ihrem Mut überzeugen als das Sprücheklopfen. Das Mädchen war einverstanden, gleich morgen Nacht bringe sie einen Schädel herunter.

Am nächsten Abend traf man sich wieder. Tatsächlich machte sich Liesa etwa um halb zwölf in der Nacht auf den Weg hinauf zur Kirche. Inzwischen war dort oben auch der Nachtwächter, der über dem Haupteingang zum Bergfriedhof sein Stübchen hatte, von der „Mutprobe“ unterrichtet worden.

Er hatte eigens das Tor offen gelassen, wünschte ihr auch einen guten Abend oder bereits eine gute Nacht, wollte sie aber auf ihrem Weg keinesfalls begleiten.

In der alten Fridolinskapelle angekommen, griff des Rossmetzgers Töchterlein gleich nach dem erstbesten der bleichen Köpfe. Da erscholl eine hohle Stimme: „Halt, der gehört mir!“ - Also versuchte sie es mit dem nächsten. Doch auch diesmal meldete sich offensichtlich dessen Besitzer mit denselben Worten. Als sich auch noch der dritte zur Wehr setzte, kam der Mut des Mädchens denn doch etwas ins Wanken. Trotzdem packte sie einen der gelblichblanken Schädel und meinte dabei unwirsch: „Zum Teufel, wie viele Köpfe hast du denn?“ Dann aber rannte sie, so schnell sie ihre Beine trugen, hinunter ins Dorf, wo die Runde schon gespannt wartete. Wortlos legte sie den Kopf auf den Tisch, verzog sich dann aber, doch etwas blass geworden, hinüber zur Ofenbank. Und dann klärte sich alles auf: Ihre eigenen Altersgenossen hatten ihr den Streich gespielt.

„Wie Liesa das Fürchten lernte“ heißt der Beitrag von Anna Linder-Knecht im Volkskalender des Jahres 1959. Doch so eine richtige Sage ist es eigentlich nicht, eher eine Gruselgeschichte. Das wird dem Leser auch bereits klar, bevor verraten wird, wem die unheimlichen Stimmen im Beinhaus gehört haben.

ohannesteller © Berit Mrugalska
In der Rankweiler Liebfrauenkirche befindet sich ebenso ein Johannesteller
bzw. Johanneskopf aus Holz

© Berit Mrugalska, 16. Oktober 2005

Rankweil muss sich den Ruhm - wenn es einer wäre -, derart couragierte junge Leute zu besitzen, mit einer Gemeinde im Norden unseres Landes teilen. Welche dabei gemeint ist, geht aus den Aufzeichnungen von Adolf Dörler, der eine ganz ähnliche Geschichte bereits ein halbes Jahrhundert zuvor aufgezeichnet hat, nicht hervor. Diesmal ist es ein junger Bursch, der spät nachts in feuchtfröhlicher Runde sitzt und wettet, auf der Stelle einen Totenkopf aus dem Beinhaus zu holen und wieder zurückzutragen. Auch hier ruft eine hohle Stimme: „Lass mir meinen Kopf da!“, als der Vorwitzige in der Kapelle nach einem der blanken Schädel greifen will. Und als er nach dem zweiten Versuch auch noch einen weiteren packt und dieser sich zu melden scheint, bekommt der Tote auch diesmal die Antwort: „Hält's Mul, du hoscht it zwoa Kepfl“ Überflüssig zu erwähnen, dass es auch in diesem Falle einer der Kollegen war, der dem Burschen den „lustigen“ Streich gespielt hatte.

Bei einem Bericht aus der bekannten „Zimmernschen Chronik“ des 16. Jahrhunderts dagegen, da klingt die „Mutprobe“ noch ganz anders. Hier sind es drei verwegene Gesellen, die zu nächtlicher Stunde zechen und schließlich darum spielen, wer von ihnen einen Totenkopf aus dem nahen Beinhaus holen müsse. Es trifft ausgerechnet den Verzagtesten der drei und nur widerstrebend macht sich dieser auf den Weg. Im Beinhaus angekommen, verlässt ihn aller Mut. Erst beim dritten Versuch kann er seine Furcht so weit überwinden, einen der Totenköpfe aufzuheben. Da sagt dieser mit rauer Stimme: „Lass mich liegen!“ Zu Tode erschrocken lässt er ihn fallen und läuft wieder zu seinen Gesellen zurück. Auch die drei erschrecken über das Berichtete. Am nächsten Morgen sind alle schwer krank. Die beiden Mitspieler erholen sich zwar bald darauf wieder, jener aber, der das Abenteuer erlebt hat, verstirbt am dritten Tag. Keine Rede von einem, der seinem Zechkumpan einen üblen Streich spielen wollte! Während bei diesem Text das Grauen und die Folgen des Frevels spürbar bleiben, will sich in den Erzählungen unseres Landes und unserer Zeit jenes Gefühl, das echte Sagen auszulösen imstande sind, nicht einstellen.

Noch mehr gilt dies für das Folgende, das allerdings auch nicht als Sage gelten möchte, handelt es sich bei ihm doch um einen Tatsachenbericht. Ereignet hat sich das Geschehen in einer Berggemeinde im nördlichsten Teil unseres Landes, auf den bereits die freche Antwort von den „zwoa Kepf“ von vorhin hingewiesen zu haben scheint.

Es war vor etwa vierzig Jahren, da traf der Lehrer der dortigen Volksschule während eines nachmittäglichen Spaziergangs einen Arbeiter, der unmittelbar neben einem Weg eine Grube ausgehoben hatte. Der Vorbeigehende staunte nicht schlecht, als er etwas abseits auf einem Erdhügel einen Totenkopf liegen sah. Auf seine Frage, ob dieser etwa aus dem Loch da komme und was mit ihm geschehe, erklärte der Grabende, er habe den Schädel gerade vorhin bei seiner Arbeit gefunden und er gebe ihn am Abend dem Totengräber, der ihn wahrscheinlich bei der nächsten Beerdigung mit ins Grab lege. Der Lehrer — immer auf der Suche nach geeigneten Anschauungsmitteln für seine Schüler — meinte, dem Fund fehle zwar der Unterkiefer, aber er wäre trotzdem ein ausgezeichnetes Lehrmittel. Mit dem ließe sich zum Beispiel so richtig gut erklären, was ein Schädelbasisbruch sei. Wenn nichts dagegen spreche, nehme er den Kopf mit in die Schule. Da müsse er schon auch noch den Toten fragen, lachte der Arbeiter, hatte aber nichts gegen die offensichtlich redlichen Absichten des Lehrers einzuwenden.

Dieser, noch jung und ledig, besaß zwar in der Schule eine Wohnung mit entsprechender Küche, die allerdings geradezu spartanisch eingerichtet war. So verfügte sie auch über keine geeigneten Mittel, um den Totenkopf, der bis zu seinen Augenhöhlen mit lehmiger Erde angefüllt war, auf Hochglanz zu bringen. Um als Lehrmittel zu beeindrucken, war eine gründliche, sozusagen eine Generalreinigung vonnöten. In der Schulküche jedoch, die sich im oberen Stock des Schulhauses befand, dort gab es alle notwendigen Putzmittel, besonders auch kleinere, langstielige Bürstchen, mit denen es ein Leichtes war, bei den Augenhöhlen oder unten an der Schädelbasis hinein- und wieder herauszufahren. Nach etwa halbstündiger Arbeit sah der Kopf dann zwar um einiges besser aus, seine schmutzig-gelbliche Farbe aber hatte sich auch mit sämtlichen Scheuermitteln nicht entfernen lassen. Ein Einweichen in einer entsprechend starken Waschmittellösung während der Nacht würde dem zukünftigen Lehrbehelf sicher gut tun.

Als am nächsten Morgen, kurz nach Unterrichtsbeginn, gleich mehrmals markdurchdringendes Schreien aus Richtung Schulküche ertönte, war dem Lehrer sofort klar, was es zu bedeuten hatte. Er befand sich gerade in seiner Klasse und rannte gleich los, um das Schlimmste zu verhindern. Doch schon stöckelte es über die Stiege herunter, dann fiel das Schultor ins Schloss, und als kurz darauf der Motor eines Autos aufheulte, wusste der Totenkopf-Putzer, dass es sich nur um das „Fräulein“ handeln konnte. Während der ganzen Woche war es nur ein einziges Mal bereits am frühen Morgen da, und zwar dann, wenn Kochen auf dem Stundenplan stand, und das war ausgerechnet an diesem Vormittag. In der Schulküche angekommen, bot sich dem Eintretenden ein eigenartiges Bild: An den Wänden lehnten verstörte Schülerinnen, von denen gleich einige mit bleichen Gesichtern in Richtung Brunnen deuteten. Das wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen, wusste der Lehrer doch selbst gut genug, wohin er zu blicken hatte. Im Waschbecken wölbte sich über dem Wasserspiegel etwas Gelbliches: der Hinterkopf des Totenschädels.

Was an Entschuldigungen und Wiedergutmachungsversuchen von Seiten des Urhebers der ganzen Aufregung unternommen wurde, würde ein eigenes Kapitel füllen. Vermerkt werden soll jedoch, dass das entsprechende Lehrmittel mit einer eigens angefertigten Inventarnummer in der Folge oft gute Dienste tat und stets mit dem nötigen Respekt behandelt wurde.

Es wird Zeit, den makabren Abstecher in die Realität zu beenden und sich wieder den sagenhaften Dingen rund um jene Köpfe zuzuwenden, um die es hier gehen soll.

Da fand einmal im Frühling — es war auf einer Alpe hoch oben im Vermunt - ein „Schäfler“, also ein Schafhirt, nahe beim Gletscher den Leichnam eines Mannes. Als er die Taschen des Toten untersuchte, entdeckte er eine große Summe Geldes und dachte bei sich: „Wenn ich schon so viel Geld bekommen habe, so will ich doch den Toten auf den Friedhof tun.“ Er ging zur Hütte eine Butte holen, in der er die Vorräte vom Land hereinnahm, und wollte ihn so hinaustragen. Als er aber den Toten hineinlegte, fiel der Kopf vom Rumpf und rollte über einen steilen Abhang hinunter. Kein Suchen half. Der Kopf blieb verschwunden. Dem Hirten war es gar nicht recht, doch was sollte er tun? Dass die Sache mit der vergeblichen Suche nicht abgetan war, wurde ihm aber spätestens dann klar, als er bemerkte, dass er zwei Schatten hatte. Da konnte nur noch der Pfarrer helfen! Als er diesem von seinem Erlebnis erzählte, wusste ihm der Geistliche auch keinen anderen Rat zu geben als den Kopf zu suchen, bis er ihn eben habe. Also machte er sich erneut auf die Suche. Gerade als er dabei auf der abschüssigen Halde zwischen dem Zwergholz herumstöberte, sprang auf einmal unter einem Stein ein Lamm heraus. „Das muß vergessen worden sein“, meinte der Schäfler, „ich muß es mitnehmen.“ Er wollte es fangen, da kam er zum Totenkopf, und das Lamm war verschwunden. Als der Totenkopf auf dem Friedhof war, hatte der Schäfler wieder nur einen Schatten. Offensichtlich zeigt sich in der Sage die Anschauung, dass die im Kopf wohnende Seele keine Ruhe findet, wenn dieser nicht richtig bestattet ist. Dass ausgerechnet ein Lamm auftritt, ist ein deutlicher Hinweis darauf, galt es doch als Seelentier.

Der Hirt hatte die große Summe, die er beim Toten gefunden hatte, von vornherein als sein Eigentum betrachtet; das war nicht unproblematisch, galt gefundenes Geld nach der Volksmeinung doch eher als Unglück bringend.

In der nächsten Sage geht es ebenfalls um Geld, doch diesmal stammt es aus einem redlichen Kauf. Erzählt wird abermals von einem Montafoner; er war ein Bauer, hieß Hans Bärawald und war einer der ersten Bewohner der „Innerfratte“, also des hinteren Tales. Eines Tages kaufte ihm ein Händler die schönste Kuh ab. Wehmütig schaute der Bauer dem Tier nach, wie es talabwärts ging, und auf einmal reute ihn der Handel. Also eilte er dem Käufer nach und wollte die Sache rückgängig machen. Doch der Händler wollte nicht darauf eingehen. Da erschlug ihn Bärawald. Nach Jahren wurde im Walde ein Totenkopf gefunden. Diesen brachte man in die Kirche und legte ihn auf den Altar. Alle Bewohner des Gebietes hatten in der Kirche zu erscheinen, und während des Opferganges um den Altar mußte jeder mit dem Zeigefinger der rechten Hand den Totenschädel berühren und dabei die Frage stellen: „Bin ich schuldig an deinem Tod?“ Hans Bärawald, inzwischen ein altes gebrechliches Männlein, wollte nicht zum Opfer gehen und er wusste warum. Auch nachdem ihn der Pfarrer dazu aufgefordert hatte, rührte er sich nicht aus seiner Bank. Da packten ihn ein paar energische Männer und führten ihn zum Altar, und als er den Totenkopf berührte und heiser die Frage stellte, begann der Kopf zu bluten. Der Mörder war entlarvt.

Allgemein bekannt ist jene Stelle aus dem Nibelungenlied, in der erzählt wird, wie Kriemhild verlangt, alle Jagdteilnehmer müssten an der Leiche ihres ermordeten Gemahls vorbeiziehen. Als Hagen, der Mörder, an die Bahre des Toten trat, begann Siegfrieds Wunde wieder zu bluten.

Vom Blut einmal abgesehen, handelt es sich im „Fall Bärawald“ vielleicht um ein tatsächliches Geschehen. Die „Bahrprobe“ war in früheren Zeiten durchaus eine gängige Möglichkeit, einen Mörder zu überführen. Dabei zeigte der Getötete durch das Aufbrechen seiner Wunden oder durch andere Zeichen den Täter an. Der Verdächtigte musste in so einem Fall -oft unbekleidet, um mögliche Verstecke für Zauberamulette o. ä. auszuschließen - an die Bahre des Getöteten treten, die Wunden berühren und dreimal bei Gott und beim Toten bezeugen, dass er unschuldig sei. Bluteten die Wunden, war der Fall klar, veränderten sie sich nicht, so war die Unschuld bewiesen. Dieses „Bahrrecht“ konnte durchaus auch bei Totenköpfen angewandt werden, die bereits - wie im Falle Bärawald - etliche Jahre im Wald gelegen waren. Auch wenn das Fließen des Blutes mit Recht bezweifelt werden darf, es brauchte doch einen hartgesottenen Täter, der in dieser Situation die Nerven bewahrte und sich nicht verriet.

Verdankt der „Bärawald“ im inneren Montafon, hoch oben am Nordostabhang des Neßlakopfs bei Galgenul, seinen Namen - zumindest nach dieser Sage - somit einem Mörder, so verhält es sich beim „Metzgerwald“, eine halbe Stunde hinter Schönenbach am linken Subersufer, genau umgekehrt. Hier ist es das Opfer, das im Namen des Waldes weiterlebt. Es handelte sich nämlich um einen Metzger, der einst aus Italien kam, um Schlachtvieh einzukaufen und hier sein Leben lassen musste. Warum ihm sein Mörder - ein Hirt von der Alpe Halden - aufgelauert hatte, darüber braucht nicht lange gerätselt zu werden, das Opfer trug Geld bei sich, und zwar nicht wenig. Bereits im nächsten Jahr wurde der Hirt wieder auf die Alpe gedungen. Diesmal nahm er einen Hund mit. Als beide einmal an der Mordstelle vorbeigingen, wollte der Hund nicht mehr weiter. Auf einmal sprang er tiefer in den Wald und brachte den Kopf des Metzgers. Erschrocken kehrte der Hirte um und kam leichenblaß in der Hütte an. Er erzählte, was geschehen war und gestand, daß er den fremden Metzger ermordet hatte.

Der unbekleidete Mann im vorhergehenden Bild ist Hans Spieß, der 1503 in Ettiswil (Luzern) seine Frau umgebracht hatte. Als er bei der „Bahrprobe“ seine Unschuld beschwören wollte, begann die Leiche der Ermordeten zu bluten. Da fiel der Mörder in die Knie und gestand. Man band ihn am Boden ausgestreckt fest. Unter seine Gelenke wurden Holzscheiter geschoben und die Knochen dazwischen mit einem Rad zerschlagen. Aufs Rad gebunden, krepierte er langsam und in großer Reue und Andacht.

Was mit Hans Bärawald und dem Hirten der Alpe Halden anschließend geschah, ist nicht überliefert, aber es wird den beiden wohl nicht viel besser ergangen sein. An Richtstätten gab es damals bei uns im Land keinen Mangel.


Quelle: Mit freundlicher und exklusiver Genehmigung von Franz Elsensohn, Hexenplätze, Kinderbrunnen, Sltsames und Sagenhaftes aus Vorarlberg, Bd. 2, Hohenems 2002, S. 143 - 158