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DAS BURGFRÄULEIN AUF ROSENEGG

Auf dem Schlößle Rosenegg hat vor Zeiten ein Burgfräule gegeistet, das letztemal hat es noch ein Bürser Büble gesehen. Das Büble hat einmal an einem Abend beim Zunachten hinter dem Schlößle ein Bürdele Holz aufgenommen gehabt und heimzu wollen, und da steht ihm eben das Burgfräule in einem blühweißen Jüpple in den Weg und sagt: "Ei, Büble, lad deine Bürde noch einmal ab, du solltest mir ein Dienstlein tun; ich muß schon jahrweis da geisten und du könntest mich heut erlösen; du wärest grad der Mann dazu." Das Büble aber sagt: "Es hat schon Ave Mreia geläutet, und die Mutter daheim braucht Holz in die Küche, ich muß drum gehen, aber nach dem Nachtessen will ich, weil es Mondschein ist, noch ein Sprünglein kommen." Und das Fräule gibt ihm zur Antwort: "So komm ja gewiß und vergiß beileib nicht, drei geweihte Rütlein mit dir zu nehmen."

Burg Schlössle Rosenegg
© Hicker Jürgen, 19. September 2004

Wie da das Büblein daheim gegessen gehabt hat, geht es auf die Oberdille und nimmt drei Rütlein aus dem Palmen und springt drauf Rosenegg zu. Das Burgfräule kommt ihm ein gutes Stück entgegen, lächelt freundlich zu ihm und führt es dem Schloß zu und dort über eine steinerne Stiege zwölf, fünfzehn Tritt hinab in ein Gewölb. In einem Winkel von dem Gewölb steht eine große eiserne Kiste und auf dem Deckel hockt ein schwarzer Hund ganz ruhig und tusem. "Jetzt lueg, Büble", sagt da das Fräule, "dem Hund mußt du mit einem jedwederen Rütlein einen Streich geben, nach dem dritten Streich hoppet der Hund herunter vom Lid und ich geh dir aus meinem Schlüsselballen da den Schlüssel zur Kiste, und der Schatz, der drin ist, gehört dir, und ich werde erlöst." Auf das nimmt das Büble ein Rütlein und gibt dem Hund einen Streich; der Hund aber fängt an zu surren, daß alles erhillt im Gewölb, stellt seine feurigen Augen und wird fortzu größer und größer, als wenn er schwellen täte. Dem Büble dötterlets anfangen, doch aber nimmt es das zweite Rütlein und schlägt nocheinmal. Gsegis Gott! jetzt surret der Hund so laut, daß man das eigene Wort nicht mehr versteht, macht Augen wie feurige Scheiben und geschwillt fortzu, daß er mit dem Buggel fast an der Dille vom Gewölb angeht, und mein Büble, nicht faul, lauft, das dritte Rütlein noch in der Hand, über Stock und Stein heimzu. Hinter ihm habe es das Burgfräule bedauerlich jammern gehört: "Jetzt muß ich neue hundert Jahre geisten!"

Burg Schlößle Rosenegg © Hicker Jürgen

"Burgstall Schlössle Rosenegg
Erbaut ca. 1200 * Zerstört 1405
Renoviert 1899 und 1939
Im Besitz der Familie Lorünser
1731 bis 1893 und ab 1939"
© Hicker Jürgen, 19. September 2004


Quelle: Die Sagen Vorarlbergs. Mit Beiträgen aus Liechtenstein, Franz Josef Vonbun, Nr. 123, Seite 112