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541. Die französische Waldkatze

Alle Jahre gingen aus dem Montafon viele Mannsbilder ins Ausland auf Arbeit. Da erlebte in Frankreich ein St. Gallenkirchner einmal ein sonderbares Geschichtlein. Als er an einem Abend dort in der Wohnstube saß, fragte ihn seine Hausfrau, ob er nicht Heimweh habe und wissen möchte, was sein Weib mache; sie könne ihm alles genau sagen, wenn er wolle. Das wollte er freilich gerne wissen und so ging sie hinaus, kam aber nach einer kurzen Weile schon wieder herein und erzählte ihm, daß seine Angehörigen am Nachtessen seien, wie sie alle nacheinander am Tische säßen, was sie äßen, und daß die Mutter gerade dem kleinen Kinde Mus gegeben habe und auch ihr, der Erzählerin, einen Löffel voll. Da konnte sich der Mann nicht genug verwundern. Als er im Herbst heimkam, fragte er sein Weib, wer denn einmal zum Abendessen gekommen sei und wem sie einen Löffel Mus angeboten habe? Da erwiderte sie, es sei niemand bei ihnen gewesen, nur einmal habe eine große schwarze Katze mit furchtbaren Glasaugen zum Fenster hereingeschaut. Sie habe gemeint, es sei eine verhungerte Waldkatze und habe ihr einen Löffel vom Kindsbrei gegeben, worauf das Tier wieder weiter sei.

Quelle: Im Sagenwald, Neue Sagen aus Vorarlberg, Richard Beitl, 1953, Nr. 541, S. 289