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466. Der Spielmann von Vandans

In Vandans lebte einmal ein vielgesuchter Spielmann. Wo es lustig zuging, mußte er dabei sein, denn er geigte wie keiner mehr. Wenn er aufspielte, konnte niemand ruhig sitzen bleiben. Meiggena und Buben, steinalte Männlein und Weiblein, alles mußte sich im Tanze drehen, bis die Geige verstummte. War er müde vom Spiel, so legte er die Fiedel auf den Tisch und sie spielte selbst, was er befahl.

Eines Abends unter Licht saß der Spielmann daheim am Fenster. Da hörte er Pferdegetrabe und Schellengeklingel. Er schaute hinaus und sah, wie ein schönes Gefährt daherkam. Es hielt vor seinem Hause und eine verschleierte Frau in schwarzseidenem Kleide stieg aus und trat zu ihm in die Stube. Sie hieß ihn seine Geige nehmen und mitfahren, denn er müsse weit fort zum Hochzeitstanz aufspielen. Der Geiger ließ es sich nicht zweimal sagen, stieg in den Wagen und fort ging es in rasendem Galopp, schneller und immer schneller. Es war als ob sie flögen, nicht führen. Als es nachtete, hielten sie mitten auf einer weiten Wiese. Da waren viele wache Leute in reichem Schmuck. Der Spielmann mußte auf eine Bühne und sobald er seine Weisen begonnen, fing alles zu tanzen an. Als die Tänzer müde waren, setzten sie sich zur Tafel. Darauf prangten köstliche Speisen in goldenem Geschirr, und in silbernen Bechern und Krügen funkelte feuriger Wein. Auch der Geiger trank davon. Doch Brot war keines zu haben. Verwundert sagte er: „Gibt es denn kein Brot?" Kaum hatte er die Frage getan nach der Speise, die von Christenmenschen am meisten in Ehren gehalten und vor dem Anschnitt bekreuzigt wird, da war die ganze prächtige Tafelgesellschaft wie vom Erdboden verschwunden.

Quelle: Im Sagenwald, Neue Sagen aus Vorarlberg, Richard Beitl, 1953, Nr. 466, S. 258