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538. Käs und Schmalz genug

Unter der Straße bei der Kreuzgaß haben einmal eine alte Mutter und ihr Meiggi gehauset. Es sind recht arme Leute gewesen. Jetzt ist halt einmal die Mutter gestorben und das Meiggi ist allein gewesen und hat niemand Eigenes mehr gehabt. Da sagt der Pfarrer zum Vorsteher: „Wir sollten doch auch gehn luegen, was denn auch das Meiggi macht, ich mein, es hat nichts zu essen" — und sind auch wirklich gegangen.

Wie sie aber das Meiggi so um eins und anders gefragt haben und ob es nicht müsse Hunger leiden, so hat es gesagt: „Na, es geht mir nicht so bös, zu essen und trinken habe ich einmal, ich hob ja Käs und Schmalz genug. Was die Mutter können hat, kann ich auch." — „Ja, was hat denn die Mutter können?" — „Wenn sie hat melken wollen, hat sie nur ein Fazanedli genommen, ans Ofenstänglein gehängt und dran gemolken, und das kann ich auch." — „So milk es einmal!" — Das Meiggi fängt auch richtig an melken, da sagt es aber auf einmal: „Jetzt muß ich aufhören, sonst ist die Kuh hin." — „Milk nur weiter!" sagt der Vorsteher, und das Meiggi milkt, aber im Witsch ist Blut gekommen und das Meiggi hat gesagt: „Jetzt ist die Kuh hin." — „Wo ist denn die Kuh und wem gehört sie?" Auf das sagt das Meiggi: „Die Kuh hat armen Leuten in der Schweiz dort gehört" — und es sagt noch, wie der Ort heißt und hat auch die Leute genamset.

Der Pfarrer und der Vorsteher haben dann das Meiggi zuhanden genommen und versorgt, und der Vorsteher ist in die Schweiz, hat auch den Ort gefunden und richtig die Leute erfragt und hat ihnen wieder eine Kuh gekauft, aber nicht gesagt, warum.

Quelle: Im Sagenwald, Neue Sagen aus Vorarlberg, Richard Beitl, 1953, Nr. 538, S. 288