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581. Der Schäfler mit zwei Schatten

Einmal im Frühling fand ein Schäfler in einer Alpe nahe beim Gletscher den Leichnam eines Mannes und viel Geld dabei. Er dachte: „Wenn ich soviel Geld bekommen habe, so wiIl ich doch den Toten auf den Friedhof tun." Er ging zur Hütte eine Butte holen, in der er die Vorräte vom Land hereinnahm, und wollte ihn so hinaustragen. Aber als er den Toten in die Butte tat, fiel der Kopf vom Rumpf und rollte eine fürchterliche Ganda hinab. Kein Suchen half. Der Kopf blieb verschwunden. Von da ab hatte der Schäfler immer zwei Schatten. Das klagte er dem Pfarrer und der riet ihm, den Kopf zu suchen, bis er ihn habe. Als er auf ein neues auf der abschüssigen Halde zwischen dem Zwergholz suchte, sprang auf einmal unter einem Stein ein Lamm heraus. „Das muß vergessen worden sein", meinte der Schäfler, „ich muß es mitnehmen." Er wollte es fangen, da kam er zum Totenkopf und das Lamm war verschwunden. Als der Totenkopf auf dem Friedhof war, hatte der Schäfler wieder nur einen Schatten.

Quelle: Im Sagenwald, Neue Sagen aus Vorarlberg, Richard Beitl, 1953, Nr. 581, S. 304