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310. Das Nachtvolk in Brand

I. Zwei Rotvögel

In Brand lebte vor zwanzig Jahren noch die Erinnerung an eine Gestalt, ähnlich der Frau Holle. Sie zog zur Winterszeit durchs Tal, um nachzusehen, ob wohl kein Kind nach dem Abendläuten noch außer dem Hause sei und ob die Mädchen fleißig gesponnen hätten. Im ersten Falle habe sie das Kind mit sich fortgenommen, im ändern den faulen Mädchen den Spinnrocken so zerrüttet, daß man mit dem Flachs und Hanf nichts Ehrliches mehr habe anfangen können.

Bald war's zwei Kindern sehr schlimm ergangen, die nach dem Ave im Freien bei ihrer Mutter waren. Auf einmal stürmte das Nachtvolk heran. Die Mutter, trotz ihrer Angst schnell besonnen, ließ die Kinder unter einen Zuber hineinschlüpfen, der umgestülpt im Schnee lag. „Was hast du da drinnen?", fragte das herankommende Weib. Die Mutter antwortete kleinverzagt: „Zwei Rotvögel." „Das war dein Glück", sagte eine und wie im Schneesturm sausten und flogen die geisterhaften Gestalten an ihr vorbei.

II. Musik bei der Ruabbanka

Dieses Sausen beim Weiterstürmen des Nachtvolkes wird manchmal zur lieblichen Musik, die den Wanderer bezaubert und festhält. Ein junger Heuzieher kam einst noch spät vom Zalim her durch das Seitenmahd heraus. Auf einmal hört er bei der Ruabbanka (ein Heuschuppen an der Wegscheide zur Zalim- und Straßburgerhütte einerseits und nach Palüd und dem Nenzingerhimmel anderseits, bei dem seit Menschengedenken eine Ruhebank steht) die herrliche Musik des Nachtvolkes, das dem Palüdbache nach gegen den Riedstutz aufwärts fuhr. Mochten ihn auch die nebelhaften Gestalten erschrecken, die Macht der Töne bannte ihn und er horchte und horchte, bis sie langsam verklangen und der Zug in die Nacht und den Wald hinein verschwand. Der Bursche war starr vor Kälte, mußte wacker mit seinen Armen ins Kreuz schlagen, bis er Gleich (Gelenke) bekam und die Heuburde wieder zur Hand nehmen konnte. Dann fuhr er zu Tal, und als er bei der Dorfstraße ankam, hörte er zu seinem Staunen und Schrecken Ave Maria läuten. So lange hatte ihn also der nächtliche Spuk genarrt.

Quelle: Im Sagenwald, Neue Sagen aus Vorarlberg, Richard Beitl, 1953, Nr. 310, S. 177f