SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Vorarlberg >> Montafon

   
 

460. Eine Mutter stirbt zweimal

Es ist kaum dreißig Jahre her, daß nahe bei St. Antöni ein junges Weib starb. "Eine Mutter stirbt zweimal" heißt es und es mag ihr wohl hart gewesen sein, sich von ihren vier kleinen Kindern zu trennen, denn allemal in der Nacht kam sie, da sie noch schliefen, wusch und kämmte sie und legte sie wieder ins Bettchen, ohne daß sie es merkten oder aufgewacht wären. Doch wie sie alle Morgen so sauber und glatt gestrählt waren, machte sich der Mann seine Gedanken; er ging zum Pfarrer und befragte ihn. Der hieß ihn eine Nacht bei den Kindern bleiben. So wachte er an den Betten und wartete, als auf einmal die Mutter kam und eines nach dem ändern aus dem Bettchen holte, es wusch und kämmte und wieder hinein legte. Da fragte er, was ihr fehle und ob er ihr helfen könne? — Ja, sie habe einmal versprochen nach Einsiedeln zu wallfahrten und sei nicht gegangen; er solle es für sie tun, dann sei sie erlöst. Da machte sich der Mann auf den Weg und sie fand die ewige Ruhe.

Quelle: Im Sagenwald, Neue Sagen aus Vorarlberg, Richard Beitl, 1953, Nr. 460, S. 256