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572. Das Jauchzen am Ganifer

Am Ganifer hat man es früher allweg juzen gehört. Und in den Zündern und Schröfen ist einem die Angst gekommen, wenn man gewußt hat, es ist niemand herum.

Da ist ein Wurzengraber wieder einmal in den Hängen vom Versail heruntergekommen. Das Juzen hat er immer in den Ohren, er kann es nicht mehr hören und ruft: „Butz, was willst du mit deinem Juzen?

Ich will dir helfen in Gottes Namen!" Da steht mit einem Mal ein mächtiger, alter, verschaffter Hirt vor ihm. Und der Butz fängt an und erzählt: „Weißt du, ich habe gehütet da droben. Es mag's niemand mehr denken. Da ist mir eine Kuh allweg dort am Stutz durchgegangen. Sie hat einer armen Wittfrau gehört. Bei dem älben Holen jeden Tag bin ich vertobet und ich hob gedacht, mag das Weib auch beten: Bhüet die Sant Marti, Rochus und Wendeli!, wie sie beim Auftrieb immer tun, ich vertröl sie, sie will ja sowieso vertrolen. Und ich hob schlipfige Rinde ausgebreitet, mengs Stückle, dort wo sie dann immer vom Fasel ab ist. Da ist sie auch wahrlich erfüllen. Ich hör sie noch bummern drunten im Tobel. Und vor Freude hob ich gejuzet. Bald drauf bin ich gestorben, eh ich es gemeint hab. Aber das Juzen ist mir geblieben. Unser Herrgott hat mich geheißen, die Kuh vertrolen, immer auf ein neues, und mit ihr den Stutz heraufschinden, sovielmal, als sie Haare in der Haut hat. Es ist noch kein Teil, was ich abgebüßt hab und doch ist das neunte Glied nach der Wittfrau schon verstorben. Weißt du, die Ewigkeit ist lang. Ins Schmitta-Hus hat die Kuh gehört, o geh und red mit dem Erb, er soll mir die Schuld schenken, daß auch der Herrgott verzeiht."

Der Wurzengraber hat es getan und der Erb auch. Es ist das zehnte Geschlecht gewesen. Da hat der Butz seine Ruhe gefunden, und das grausige Juzen am Ganifer hört man seitdem nicht mehr.

Quelle: Im Sagenwald, Neue Sagen aus Vorarlberg, Richard Beitl, 1953, Nr. 572, S. 301f