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318. Der Gspusagang

Im Prätigäu herrschten seit dem Reformationszeitalter arge Parteikämpfe. Vergeblich suchten die österreichischen Herrscher Tirols, dem alten Glauben in Graubünden wieder das Obergewicht zu verschaffen, vergeblich predigte der hl. Fidelis, Guardian des Kapuzinerklosters in Feldkirch, in Seewis. Die Mehrzahl des Volkes war reformiert, die Soldaten wurden vertrieben und Fidelis, der zu fliehen versuchte, getötet (24. April 1622). Waren früher die Österreicher gewalttätig gegen die reformierten Bewohner des Prätigäus vorgegangen, so verfuhren jetzt diese ebenso gegen die Katholiken.

Unter ihnen waren, so erzählt man in Brand, zwei Verlobte, Johann Lampert und Elisabeth Sentin. Die Seewiser versuchten, sie für den neuen Glauben zu gewinnen und als dies nicht gelang, drohten sie in einer Weise, besonders dem Mädchen, daß sie für ihr Leben fürchteten. So beschlossen sie die Flucht nach Vorarlberg. Am Tage vor dem hohen Frauentag sollte der Plan ausgeführt werden. Vor Tau und Tag brachen die jungen Leute auf, gingen durch die Alpwege von Seewis hinein zur Walseralpe und dann von dem oberen Stofel durch das Schesatobel der Schesaplana zu. Oben rasteten sie, atmeten auf und schauten dann ins Vorarlberg herüber, das jetzt ihre Heimat werden sollte. Da zeigte der Lampert seiner Verlobten den Nenzinger Himmel, draußen sei das Dorf Nenzing selbst und noch viele andere Flecken und Dörfer. Er kenne Land und Leute gut, dort wollen sie ein Gütlein kaufen und wohnen und katholisch bleiben. Seine Braut schaute fremd hinab ins fremde Tal und wieder zurück nach Seewis, das so schön und sonnig am vorspringenden Abhang drunten lag und schluckte die Tränen hinab. „Wo du hin willst, Johann, gehe ich gern, wenn es nur katholisch ist." — „Sei guten Mutes, Lisbet", sagte dieser, „es muß recht werden, weil wir es recht meinen." Dann gingen beide über die Gletscher hinüber gegen den Panüler Schrofen und wollten in die Nenzinger Alpen absteigen. Das ist für Jäger ein schlechtes Gehen, für ein Mädchen aber ein fast unmögliches Ding. Doch die Furcht, von den rachsüchtigen Leuten verfolgt zu werden, trieb sie vorwärts. Bedächtig, das Mädchen stützend und vorsichtig umherspähend, stieg Lampert durch eine leichte Dolle nieder. Da entfuhr ihm plötzlich ein Schrei. Unten vom Salarueler Jöchle kam ein Häuflein Männer und bog gegen die Wände des Panüler herauf, und fast zur gleichen Zeit lösten sich ober den Verfolgten Steine los und knotterten an ihren Köpfen vorbei in die Tiefe. „Dem Grat zu!" rief der Bursche und riß das Mädchen auch mit sich fort, rechts hinüber gegen die Brandner Seite. Da waren sie vor den Steinen sicher, aber die Seewiser rückten von oben und unten näher heran. In angstvoller Hast stiegen die beiden hinunter, bis ein haushoher, fast senkrechter und glatter Felsen sie aufhielt. Johann kletterte und rutschte abwärts und hatte bald sicheren Stand, das zaghafte Mädchen aber traute sich nicht ihm nachzukommen. Schon hörte man die Verfolger von oben näher klettern und konnte schon von unten herauf ihre Flüche und Drohungen verstehen. Da rief Lampert: „Elsbet, wirf dich in meine Arme!" und stemmte sich fest. „Heilige Muttergottes, hilf!" flehte das Mädchen erbleichend und ließ sich halb in den Lüften niedergleiten. Der Jüngling wußte nicht recht, wie er seine Braut auffing, die Ohnmächtige wie ein Kind im Arm durch die unwegsamen Felsen hinüber und hinunter trug und in einer guten Viertelstunde die Alpe Zalim erreichte. Jetzt waren sie gerettet, weil die Bündner nicht weiter gegen das Brandner Tal herabzukommen sich getrauten. Lampert suchte einen geschützten Wasenboden auf und legte seine teure Bürde sorgsam nieder. Auch er war todmüde und er kauerte sich neben dem Mädchen nieder. Das war eine Freude, als die Verlobte ihre Augen aufschlug und verwirrt umhersah!

Wie sie dann zu dem Hirtenhüttlein kamen, wollte der Hirt es kaum glauben, was sie alles erzählten, und auf das Mädchen blickend sagte er: „Das ist ein wackerer Gspusagang gewesen." In Brand heiratete das Paar und wohnte dort, nachdem es ein lediges Gut gekauft hatte. Als es nach einigen Monaten drüben in Prätigau ruhiger geworden war, kam auch ein stattliches Brautfuder nach Brand. Da sah man, daß Elsbet reicher Leute Kind sein mußte, soviel Zeug und Geld wurde gebracht. Auch ein Altar ist dabei gewesen aus der Kapelle in Seewis, an dem der hl. Fidelis seine letzte Messe gelesen hatte. Nach dem Wunsche der Elsbet stellte man den großen Blutzeugen auf der Weiberseite in der Kirche auf. Vor etwa zwölf Jahren hat man ihn nach Feldkirch ins Kapuzinerkloster gebracht, wo der hl. Fidelis gar viel besucht und auch sein Haupt verehrt wird. Auch sonst haben die beiden Leute für die Kirche von Brand viel getan. Von Kindern und weiterer Verwandtschaft hat man nie gehört. Ein ewiger Jahrtag wird noch alle Sommer für sie verkündet und gehalten, und der gefährliche Weg über den sie hieher gekommen, heißt noch immer der „Gspusagang". Auf der dunklen Diele neben einer Kammertüre des Hauses, in dem das Paar zuerst gewohnt, sieht man die Buchstaben J. L. E. S., von einem Herzen umrahmt, ungefüg in die Wandbalken eingeschnitten.

Quelle: Im Sagenwald, Neue Sagen aus Vorarlberg, Richard Beitl, 1953, Nr. 318, S. 181ff