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507. Der Geist kann nicht ins Grab

Pfarrkirche heiliger Bartholomäus © Berit Mrugalska
Pfarrkirche heiliger Bartholomäus, Bartholomäberg (Montafon)
© Berit Mrugalska, 18. Oktober 2005

Ein Bauernbursche sah in der Nacht auf dem Heimweg nahe der Kirche von Barthlomäberg auf dem Wege einen Mann stehen. Da dieser seinen Gruß nicht erwiderte, schlug er ihn über den Weg hinunter. Im nämlichen Augenblicke stand die Gestalt wieder an der gleichen Stelle und sagte dem Burschen, er müsse am nächsten Abend genau an diesem Orte erscheinen, um sich zu verantworten, sonst werde es ihm schlimm ergehen.

Dem Burschen war angst und bange und er ging in aller Frühe zum Pfarrer, um sich Rats zu erholen. Der Pfarrer wies ihn an den Mittelmesser nach Tschagguns, der mit den Geistern verkehre. Der Mittelmesser gab ihm den Trost, daß die Sache gut ablaufen werde, nur müsse er Mut fassen. Er gab ihm zwei geweihte Stäbchen und befahl ihm, gegen Mitternacht auf den Friedhof zu gehen, und zwar an eine Stelle, wo er möglichst alle Gräber übersehen könne. Es werde sich ein Grab öffnen, dann solle er hin und die zwei Stäbchen übers Kreuz aufs offene Grab legen und beim Grabe bleiben. Der Geist müsse unbedingt vor dem Morgen-Aveläuten wieder ins Grab zurück, könne aber nicht, solange die Stäbchen über dem Grabe lägen. Dann möge er den Geist um Verzeihung bitten, er müsse sie ihm gewähren.

Der Bursche tat so. Der Geist wollte wiederholt ins Grab, ohne dem Burschen zu verzeihen, konnte aber nicht. Erst als er den Mesner zum Läuten herbeikommen hörte, verzieh er dem Gegner. Als er die Stäbchen wegnahm, verschwand der Geist und das Grab schloß sich über ihm.

Quelle: Im Sagenwald, Neue Sagen aus Vorarlberg, Richard Beitl, 1953, Nr. 507, S. 275