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525. Die Verschmausung des Stiers auf der Alpe Sporra

In der Alpe Sporra war das Vieh bereits abgetrieben, aber ein Hirt mußte zurückbleiben, um einen Stier zu suchen, der sich von der Herde entfernt hatte. Erst abends spät fand er das Tier. Wegen der Dunkelheit mußte er auf der Alpe übernachten. Er brachte den Stier in einem Stalle unter und legte sich selbst auf die Pritsche in einer der Hütten. In der Nacht wurde die Tür aufgerissen. Leute kamen herein und brachten den Stier mit. Sie schlachteten ihn und fingen an, von dem Fleische zu sieden und zu braten und sie schmausten in der fröhlichsten Stimmung. Der Hirt sah diesem Schauspiele mit Angst zu, hatte aber nicht den Mut, etwas zu entgegnen. Da luden ihn die Schmausenden ein auch mitzuhalten; allein erst nach mehrmaliger Aufforderung nahm er ein kleines Stück, indem er zu sich sagte: „Wenn's doch gegessen sein muß, will ich auch noch davon." Vor Tagesanbruch machte sich die Gesellschaft davon und in der Hütte wurde es wieder still und dunkel. Sobald der Tag graute, begab sich der Hirt zum Stall, um nach dem Stier zu sehen. Zu seinem Erstaunen fand er ihn frisch und gesund, nur an einem Fuß hatte er eine Lücke von der Größe des Stückleins, das er genossen hatte.

Quelle: Im Sagenwald, Neue Sagen aus Vorarlberg, Richard Beitl, 1953, Nr. 525, S. 282f