Vom Wiesjaggl

Der Wiesjaggl stammte aus dem Kaunserthale und war ein Wildschütz. Er streifte über Berg und Thal und trieb sich häufig auf den Bergen bei Vent und Rofen herum. Nebst der Wilderei befaßte er sich auch mit der Zauberei, denn er hatte mit dem Teufel einen Bund geschlossen, konnte sich unsichtbar machen, "stellte" (bannte) andere und verstand ähnliche Künste.

Auf einem Jagdzuge zum Rofner-Kar sah er einmal dreißig Gänse. Kaum war er ihrer ansichtig geworden, als er sie bannte. Er gieng auf die armen Thiere los; sie zitterten wie Espenlaub und große Thränen flossen aus ihren Augen. Er erbarmte sich der geplagten Thiere, strich ihren Rücken, löste den Bann und in einem Nu - waren die erschreckten Gänse davongelaufen.

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Als er einst im Rofenthale auf der Jagd war, sah er in der Nähe des heutigen Vernagtferners eine "Messe lesen." Nach vielen, vielen Jahren geschah, was er gesehen hatte. Denn im Jahre 1770, als der Ferner auf drohende Weise angewachsen war, stellten die Venter einen Kreuzgang zur besagten Stelle an und ihr Seelsorger verrichtete auf einem großen Felsblocke nächst dem Vernagt das hl. Meßopfer.

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Jaggl hatte im Pitzthaler Schützen "Reck" einen schlimmen Nebenbuhler. Als sich beide einmal auf dem Hochjoche getroffen hatten, schoß Reck auf eine Felsenwand, und seine Kugel gieng so tief ein, daß man den halben Ladstock nachschieben mußte, um sie zu erreichen. Jaggl blieb aber nicht zurück. Er lud, schoß und seine Kugel drang ladstocktief in das Gestein. Auf dem Rückwege trafen sie Gemsen, und Jaggl zog, als er die Herde gesehen hatte, eine Kugel heraus, die war so weich wie Teig, und gab sie dem Reck mit der Weisung zu laden.

"Schieß hin, wohin du willst," sprach Jaggl, "und es werden so viel Gemsen, als du willst, fallen."

"Sieben möcht' ich fällen, meinte Reck"

und schoß in das Blaue. Und siehe, ohne auf die Gemsen geschossen zu haben, lagen sieben todt.

Seit dieser Begegnung waren der Pitzthaler und der Jaggl Freunde. Da der Reck zugleich Schmied war, so verabredeten sie sich, ein Zauberfangeisen für die Füchse zu machen. Jaggl gieng in's Pitzthal, und sie verfertigten in der heiligen Nacht während des Amtes unter Zaubersprüchen und schrecklichen Erscheinungen das Schlageisen. Weil sie aber die Zaubersprüche nicht vollständig herzusagen wußten, leckte das Feuer über den Zauberkreis hinaus, ergriff die Nächstliegenden Gegenstände, griff weiter und weiter, bis endlich das ganze Haus des Schmiedes in Flammen aufgieng.

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Später einmal stahl der Pitzthaler dem Jaggl, während dieser schlief, das Zauberbuch aus der Waidtasche und lernte daraus schnell die Kunst sich zu verwandeln. Auf einer Jagd schlich sich Reck dem Jaggl nach, verwandelte sich in eine Bergmaus und lief dann vor dem Jaggl bald hin, bald her. Jaggl bemerkte bald den ganzen Spaß, setzte sich auf einen Stein, um seinen Morgenimbiß zu sich zu nehmen, und bannte die Bergmaus. Das arme Thier pfiff und winselte und bat um Erlösung. Jaggl blieb aber gegen alles Bitten und Flehen taub, verzehrte gemächlich sein Frühstück und gieng wohlgemuth weiter, ohne sich um die arme Maus zu kümmern. Erst am Abende, nachdem er sich müde und matt gestiegen und gejagt hatte, kehrte er zur Bergmaus zurück, löste den Bann, und Reck konnte seine Gestalt wieder annehmen.

Reck mußte zum üblen Spiele ein gutes Gesicht machen, aber er konnte die Geschichte dem Jaggl nicht vergeben. Um sich zu rächen, wendete er sich an eine ihm bekannte Hexe, die ihm Hilfe und Rache versprach.

Nach einiger Zeit befand sich Jaggl in der Nähe des Urkundberges auf der Jagd. Er war nicht lange gestiegen, als er eine herrliche Gemse erblickte. Sie sprang schnellfüßig vor ihm her. Er ahnte nicht, daß es die verwandelte Hexe wäre, und verfolgte sie arglos. Bei einer tiefen Fernerspalte verwandelte sich die Hexe plötzlich, ohne daß es Jaggl merkte, in eine Eisdecke und legte sich über die Kluft. Jaggl war über die Eisbrücke erfreut, betrat sie - und stürzte in die thurmtiefe Eiskluft. Höhnisches Gelächter der Hexe schallte ihm nach.

Jaggl befand sich in der tiefen, tiefen Kluft, und jeder Versuch sich zu retten mißlang. Als jede menschliche Hilfe ferne war, wendete er sich an den Himmel, bereute seine Sünden und gelobte, zur Muttergottes nach Kaltenbrunn zu gehen, wenn er gerettet würde. Der Himmel erhörte das Flehen des Bedrängten. Dem Jaggl gelang es, auf in das Eis geschnittenen Stufen emporzusteigen und an das Tageslicht zu kommen. Der Gerettete begab sich gleich, um sein Wort zu lösen, nach Kaltenbrunn, beichtete dort und erhielt unter andern zur Buße auf: er solle sich nachts in die Kirche sperren lassen, dort die Todtenbahre unter das ewige Licht stellen, sich auf dieselbe legen, als ob er schon gestorben wäre, und der kommenden Dinge warten. Jaggl that, was ihm befohlen, und lag einige Stunden betend auf der Bahre, ohne daß ihm etwas zugestoßen wäre. Um Mitternacht aber ward er plötzlich von unsichtbaren Händen dreimal bis zum Kirchengewolbe emporgehoben und wieder auf den Boden gesenkt. Furchtbare Stimmen erschallten und ein schreckliches Getöse dröhnte von allen Seiten. Den Jaggl faßte ein so großer Schrecken, daß ihm die Haare weiß wurden. Wie der Lärm und das Gepolter am größten war, trat der alte, fromme Wallfahrtspriester in die Kirche und zwang den Teufel zu Herausgabe der Verbindungsschrift. Der Teufel that es nach langem Sträuben und verschwand. Jaggl erholte sich von seinem Schrecken erst morgens wieder. Er blieb von jener Zeit an in Kaltenbrunn als Büßer bis zu seinem Tode. Auf seinem Grabe steht noch ein Kreuz mit folgender Inschrift:

"Hier liegt ein Wildschütz unverdrossen,
Hat über 1300 Gams geschossen,
Wie auch viel Fuchs und Hasen
Und verthut damit sein eigen Wasen."
(Otzthal.)

Quelle: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 774, Seite 444ff.