Das verliebte Pechmannl



Vor langer Zeit kam an jedem Abend ein kleiner, aber schöner Bursche zu einer Magd in den Stall, wann diese die Kühe fütterte und molk. Die Magd war bald in den stattlichen Knaben verliebt und nahm jedesmal ein Stück Brot mit sich und gab ihm "Milch und Brocken" zu essen. Das Verhältnis wurde immer inniger, so daß schon von Heirath und Hochzeit gesprochen wurde, jedoch hatte die Dirne noch nie erfahren, wer und woher ihr Bräutigam sei. Deshalb nahm sie einmal einen Knäuel Zwirn mit sich, steckte denselben dem Unbekannten heimlich in den Sack, behielt aber das Ende des Fadens in der Hand und folgte so dem forteilenden Geliebten. Als er schon eine Strecke Weges vom Stalle entfernt war und sich ungesehen glaubte, fieng er an zu singen:

"Güngele spinn, Haspele wind,
Ist guat, daß mein Braut nit weiß
Daß i klein Waldkügele heiß."

Da sie dies gehört, entfernte sich die Magd schnell und hatte keine Lust mehr, sich mit ihrem Geliebten, den sie als ein Pechmandl aus dem Liede erkannt hatte, zu verheirathen. (Patznaun.)


Quelle: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz Vinzenz Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 134, Seite 81.