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St. Notburga

Beim Eintritt in den Dienst auf Eben hatte sich diese fromme Magd ausbedungen, daß sie an den Feierabenden, sobald das gewöhnliche Glockenzeichen gegeben würde, von der Arbeit ablassen und ungehindert ihren Andachtsübungen obliegen dürfe. Die Bedingung wurde vom Bauern zugesagt und eingehalten, bis die Erntezeit kam. An einem Samstage nachmittags befand sich Notburga auf dem Felde und schnitt Korn. Als es in der Rupertuskapelle Feierabend lautete, legte die fromme Magd die Sichel weg, und hörte auf zu arbeiten. Der Bauer aber wollte an diesem Tage noch alles Getreide geschnitten haben und meinte, sie sollte heute noch fortarbeiten. Sie erinnerte ihn an die beim Einstände gemachte Bedingniß und bat, er möge sie mit weiterer Arbeit heute verschonen. Als aber der Bauer auf seiner Forderung bestand, ergriff Notburga ihre Sichel, hob sie in die Höhe und sprach, gen Himmel blickend:

"Wenn meine Bedingung wegen des Feierabends recht und löblich ist, so zeige es diese Sichel."

Bei diesen Worten zog sie ihre Hand zurück, und die Sichel hieng frei in der Luft, als ob sie von einem Nagel gehalten wäre. Der Bauer starrte vor Staunen und Schrecken, bat die Jungfrau um Verzeihung und versprach, nie mehr nach dem Feierabendläuten Jemanden zur Arbeit anzuhalten. Bald verbreitete sich die Kunde von dieser Begebenheit über den ganzen Eben, und Jedermann betrachtete seitdem die fromme Magd mit Ehrfurcht und Staunen. (G. T.)

Quelle: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 851, Seite 496f.