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Der kleine Schneider
Es war schon im Spätherbst und das Rindvieh
hatte längst die Alpen verlassen, als noch ein Hirt in Baltmar seine
Schafe hütete. Er hatte jetzt wenig Unterhaltung, weil die anderen
Hirten schon daheim waren, und schaute daher oft sehnsüchtig im Thale
herum, ob sich denn kein Jäger zeige, um die Langeweile seiner Einsamkeit
zu unterbrechen.
Paul Flora, Ruhend
aus "Die verwurzelten Tiroler und ihre bösen Feinde"
© EDITION GALERIE THOMAS FLORA
Bei einer solchen Rundschau erblickte er einmal auf dem Dache der Sennhütte
ein Nörglein, welches sich mit allem Eifer sein rothes Gewand flickte.
Es nahm bald ein grünes, bald ein gelbes, bald ein rothes Flecklein
und nähte es auf. Der Hirt mußte über die sonderbare Flickerei
herzlich lachen und fieng an mit dem kleinen Schneider seinen Spaß
zu treiben. "Hoi," rief er hinüber, "ich kann auch ein bischen schneidern,
wollen wir es darauf ankommen lassen, wer von uns der bessere ist ?" Das
Nörglein lachte auf diese Aufforderung und gab keine Antwort. Da wurde
der Bube noch kecker und rief: "Auf ein glühendes Eisengitter herausgefordert
! Nimmst du den Antrag nicht an, so bist Du ein Weib !" Augenblicklich stieg
das Männlein vom Dache und kam mit seinem Handwerkszeuge dahergerannt.
Jetzt verlor der Hirt die Courage, lief davon und sprang über den nächsten
Bach. Über den Bach folgte ihm das Nörglein nicht, sondern kehrte
sogleich wieder um. (Ulten.)
Quelle: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben
von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 131, Seite 79. |