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KAISER MAX AUF DER MARTINSWAND

Kaiser Maximilian liebte unter allen Jägereien die Gemsjagd am meisten und überstand dabei so viele Todesgefahren, daß daraus ein sonst unerhörtes Beispiel zu nehmen ist, wie das himmlische Engelgeleit einen frommen Fürsten zu schützen vermöge. In seiner Jugend kletterte Max einsmals den Gemsen auf der Martinswand also nach, daß er weder fürder noch zurücksteigen konnte. Wo er sich nur hinwendete, hatte der kühne Herr den Tod vor Augen.

Sah er über sich, so drohten ihm die überhängenden Felsen, sah er unter sich, so erschreckte ihn eine grausame Tiefe von mehr als hundert Klastern, sah er um sich, so war er mit Felsen umgeben, die viel zu hart waren, um sich seiner erbarmen zu können. Mit einem Seil ihm zu Hilfe zu kommen, verbot die Höhe des Ortes, einen Weg hinauf hätten alle Steinbrecher nicht in einem Monate zu Stande gebracht. Der Herr sah zwar seine Hofdiener in der Tiefe stehen und gehen, allein sie konnten ihm nicht helfen. Zwei ganze Tage und Nächte hoffte er vergebens auf Rettung.

Martinwand,Tirol © Wolfgang Morscher

Die Maximiliansgrotte in der Martinswand, Tirol
© Wolfgang Morscher, 1. April 2001
vom Tal aus gut sichtbare Grotte rund 200 m über dem Inn am SW-Abfall des Hechenberges (1917 m).
Naturhöhle, die hier für für Tirol einzigartig als "Grotte" bezeichnet wird.
Unterhalb befindet sich an der Bundesstrasse ein Gedenkstein aus 1936:
"Wanderer!
Blicke empor in die Martinswand,
wo Kaiser Max am Rand seines Grabes stand, 1484"
Diese Datierung ist unsicher, einigermassen sicher scheint nur, daß der Kaiser zwischen 1503 und 1504
ein Gedenkkreuz, flankiert von Figuren der hl. Maria und des hl. Johannes, aufstellte (Abbildung in Merians Chronik 1656).
Der Zwischenfall an der Martinswand wird auch im 20. Abenteuer des "Theurdank" erzählt.
Damit hat die Sage einen historischen Kern.
(aus: Herbert Kuntscher, Höhlen, Bergwerke, Heilquellen in Tirol und Vorarlberg, Berwang 1986, S. 304)

Endlich erkannte er, daß hier oben keine Hilfe vor dem Tode sei, und sehnte sich nach der hl. Wegzehrung. Demnach rief er, so stark er konnte, man solle einen Priester mit dem heiligen Sakramente kommen lassen, damit er es wenigstens sehen könne. Indessen hatte sich die betrübte Zeitung von diesem Unfall weit verbreitet und überall wurde um die Rettung des allgeliebten Herrn gefleht.

Das Gebet blieb nicht ohne Frucht, denn am dritten Tage hörte der fromme Herr ein Geräusch in seiner Nähe, und als er nach selbiger Seite sich wendete, sah er einen Jüngling in Bauernkleidern daherkriechen und einen Weg im Felsen machen. Dieser bot ihm die Hand und sagte: "Seid getrost, gnädiger Herr ! - Gott lebt noch, der euch retten kann und will. Folgt mir nur und fürchtet euch nicht!" Also trat Maximilian seinem Führer nach und kam in kurzem auf einen Steig, der ihn wieder zu den Seinen brachte.

Mit welchen Freuden er von ihnen empfangen worden ist, läßt sich leicht erachten.

Im Gedränge der Leute verlor sich alsogleich der Führer, den man nirgends mehr finden konnte und deshalb für einen Engel und Hilfsboten Gottes halten mußte. Den hohen Herrn labte man erstlich mit Speise und Trank, dann hob man ihn, noch ganz matt und blaß, auf ein Pferd und brachte ihn also wieder nach Innsbruck. Daselbst wurde er gar fröhlich bewillkommt und ein großes Dankesfest wurde angestellt. Kaiser Max ließ aber später den besagten Ort an der Martinswand in die Vierung aushauen und zum Gedächtnis der göttlichen Hilfe ein vierzig Schuh hohes Cruzifix darin aufstellen, welches annoch steht.

Quelle: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 977, Seite 558
Bildquelle: Tirol, Monographien zur Erdkunde, Max Haushofer, Bielefeld und Leipzig 1899, S. 84