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Vom Schatze in Fragenstein

Ob dem Dorfe Zirl liegen die Ruinen des Schlosses Fragenstein, in denen ein unermeßlicher Schatz verborgen liegt. Oft erscheint in der Nähe des Schlosses ein Jäger, grün gekleidet, und fordert die am Schloßberge arbeitenden Leute auf, den Schatz zu heben. Doch ist dies noch nie geglückt. Einmal verbanden sich mehrere Männer, giengen auf das Schloß und gruben nach dem verborgenen Horte. Schon waren ihre Hauen und Schaufeln so tief an der rechten Stelle eingedrungen, daß die eiserne Kiste sichtbar ward. Da erhob sich aber ein so starkes Krachen und Donnern, daß alle, so viele ihrer waren, die Werkzeuge fallen ließen und nach Haufe liefen. Der neidische Teufel soll diesen höllischen Lärm veranlaßt und die Schatzhebung auf diese Weise vereitelt haben. -

Vor vielen Jahren sollte die Magd des Schloßhäusels früh morgens Feuer machen und noch vor dem Rorate die Stube heizen. Als sie, um dies zu besorgen, früh aufgestanden war und beim Ankleiden durch das Kammerfensterchen hinaussah, erblickte sie einen großen Haufen glühender Kohlen. Da ersparst du dir das Feuerschlagen und Stein und Schwamm, dachte sich die Dirne und gieng zu dem Kohlenhaufen hinauf, um sich Feuer zu holen. Ihre Ueberraschung war aber nicht klein, als sie bei den lichtglühenden Kohlen zwei schöne schwarzgekleidete Frauen sitzen sah. Diese waren gar freundlich und winkten ihr, sie solle nur recht viele, viele Kohlen in die mitgebrachte Pfanne nehmen. Das Mädchen nahm, so viel sie mochte, und wollte damit gehen. Aber die zwei Frauen winkten bittend, sie solle noch mehr mitnehmen. Sie füllte nun die Pfanne fast ganz und wollte abermals nach Hause eilen. Wie dies die Frauen sahen, sagten sie zu der Dirne, sie solle alle Kohlen aufnehmen und wegtragen, und sahen sie dabei gar flehend an. Da nahm sie noch von den Kohlen, so daß die Pfanne über und über voll war, ließ die übrigen an Ort und Stelle liegen und eilte damit von dannen. Wie groß war aber ihr Staunen, als sie, zu Haufe angekommen, die Kohlen ausleerte!

Da waren sie sammt und sonders in funkelnde Dukaten verwandelt. Das gefiel der Magd nicht wenig und sie eilte noch einmal hinauf, wo sie die vermeinten Kohlen geholt hatte, um auch die noch zurückgelassenen zu nehmen. Als sie aber zur Stelle kam, waren Kohlen und Frauen zerstoben und verflogen und sie stand allein bei den Ruinen des Schlosses. (Zirl.)

Quelle: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 543, Seite 306f.