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Biener

Die Erzherzogin Klaudia und die tirolische Landschaft bekamen öfters Streit mit den Hochstiften von Brixen und Trient wegen der Hofsteuer, die man beanspruchte. Als die Fürstbischöfe sich weigerten, diese zu entrichten, schrieb der erzherzogliche Rath und Kanzler, Wilhelm Biener, im Jahre 1639 eine heftige Schrift wider die beiden Hochstifte, bei deren Durchlesung der Weihbischof zu Brixen, Krosini, ausrief:

"Die Hand, die solches geschrieben, verdient abgehauen zu werden."

Dieser Ausspruch gieng wirklich in Erfüllung. Denn nach dem Tode der Erzherzogin Klaudia beschlossen Bieners Feinde den offenen, deutschen Mann zu verderben. Sie ließen ihn verhaften und schmiedeten eine Anklage gegen ihn, auf die hin zwei wälsche Richter ihn zum Tode verurtheilten. Er sollte zu Rattenberg vom Leben zum Tode gerichtet werden. Da sandte Biener eine Vertheidigungsschrift an Erzherzog Ferdinand Karl, der einen eigenen Bothen mit der Begnadigung an den Kommandanten von Ratteuberg schickte. Allein Präsident Schmaus, der Hauptfeind Bieners, hielt den Sendbothen in Mühlau so auf, daß dieser erst um drei Uhr Nachmittags in der Festung Rattenberg ankam, nachdem des Unglücklichen Haupt schon um zehn Uhr Vormittags unter dem Schwerte des Henkers gefallen war. Unmittelbar vor der Hinrichtung soll Biener seine Unschuld betheuert und gesagt haben:

"So wahr ich aller mir vorgeworfenen Verbrechen ledig bin, ruf' ich meinen Ankläger binnen Jahresfrist vor Gottes Gericht."

Als die Hinrichtung vollzogen war, lagen neben dem Haupte auch drei Finger seiner rechten Hand, ohne daß der Scharfrichter selbst wußte, wie dies geschehen war. Seine Forderung gieng aber auch in Erfüllung; denn Schmaus starb, ehe drei Monate abgelaufen waren, eines jähen Todes. Bieners Frau fiel, als sie die Hinrichtung ihres Mannes vernahm, in Wahnsinn und stürzte sich von einem Felsen. Seitdem geht ihr Geist öfters in Büchsenhausen um, namentlich erscheint "das Bienerweibele", wenn jemand in der Familie des Schlosses stirbt, (Innsbruck.)

Quelle: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 1003, Seite 574f.