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Brauchtum, das noch gebraucht wird

Wenn man heute einen jungen Virger fragt, was er vom Brauchtum hält, kann man die Antwort bekommen: "Brauchtum gibt's heute kaum mehr, vielleicht die 'Klaubeife', 'es Sternsingen', eine 'Hössat', aber dann ist's auch schon beinander." Die Antwort ist "ze flöse gegriffn".

Brauchtum, auch in unserem heutigen Kulturverständnis, ist viel umfassender zu sehen. "Ja, des isch bei uns da Brauch", sagen heute noch ältere Leute. Sie meinen damit auch das Zusammenleben im Haus, in der Nachbarschaft und in der Gemeinde. Es wird durch den "Brauch" geregelt, gefördert und verschönt. So begleitet Brauchtum das Tagewerk des Menschen, den Gang des Jahres durch die wechselnden Jahreszeiten, und verschönt den Lebenslauf bei allen wichtigen Ereignissen. Wenn sich das Zusammenleben verändert, geraten alte Bräuche in Vergessenheit, neue bürgern sich ein. Wo Brauchtum nur mehr zur Gästeunterhaltung dient, hat es seinen eigentlichen Sinn verloren.

Osttiroler Tracht © Maria Rehm

Osttiroler Tracht
© Künstlerin Maria Rehm
© Viktoria Egg-Rehm, Anita Mair-Rehm,
für SAGEN.at freundlicherweise exklusiv zur Verfügung gestellt

 

Bräuche im Jahreskreis

Weihnachten, an der Schwelle zwischen dem alten und dem neuen Jahr, hatte immer schon als heidnische Wintersonnenwende und als christliches Geburtstagsfest des Herrn eine besondere Stellung. "Die Mindl" erinnert sich, wie der Vater mit der Räucherpfanne durch das Haus und den Stall ging, "bis in den Strautien, mia Weibaleit und die Kinda hintn noch." Es roch nach verbrannten geweihten Kräutern, Weihrauch war der Kirche vorbehalten.

Dann gab's einen "Blattlstock", ein Festtagsessen voller Mohn, Zucker, Honig und Schmalz. "Gessn hama, daß ma vellig zebrochen sein."

Der Gang zur Mette, dann das Heimlaufen und "schaugn, was es Christkind ingelegt hat." Auf dem Teller lagen sehr kleine Geschenke. Sie vergesse nicht, erzählt die "Mindl" weiter, wie sie den Jüngsten von 11 Kindern in einem Nachbarhaus gefragt habe: "Wos hat dia es Chrischtkindle brung?" Ganz zufrieden sagte der Kleine: "A Bitschele und zwoa Zuggabrecklan." Eine Bescheidenheit, heute nicht mehr vorstellbar.

Am "Vestntog" (Sylvester) stand Welzelach im Mittelpunkt. Fallweise bei Tauwetter, oft auch im tiefen Schnee pilgerte die halbe Gemeinde zum "Viechheiligen", um seinen Segen für den Stall zu erbitten. Dann waren die Stuben im Dörfl und bis auf March und Berg hinauf voll von Bekannten und Verwandten beim Festessen mit "Knedlan, Nigelan und Krapfn".

Der "Kinikobnd" hatte etwas Aufregendes. Sagen von der "wildn Füa" und den "Peachtn" kamen in Erinnerung. Wohl auch um sie zu verbannen, ging der Bauer wiederum mit der Räucherpfanne durch Wohnhaus und Stall. Die Osterwoche hatte es wieder den Kindern angetan. Am Palmsonntag das "Palmbesntrogn", am Karfreitag statt der Glocken die "Ratschn", und in der Kirche "dem Herrgott die Zechn bussn" bei der Kreuzverehrung.

Am Ostersamstag dann die Auferstehungsfeier mit den leuchtenden Osterkugeln. Dazu der "Toutntak" (Patentag) mit dem Geschenk von Ostereiern und einer schönen Breze aus Weißbrot. Ein solcher "Toutntak" war auch Allerheiligen. Da bekam man von der Patin neben der Breze auch die mit Mohn gefüllten "Krinlare".

Der Frühsommer war mit Prozessionen eine festliche Zeit. Man betete um gutes Wetter und gute Ernte und stellte sich auch im Festtagsgewand als Fahnen- und Statuenträger, Musikant oder Schütze gerne ein wenig zur Schau. Am Begehen dieser kirchlichen Feiertage sieht man deutlich die enge Verbindung von Religion und Brauchtum.

Brauchtum begleitet das Leben

Brauchtum begleitete auch das Leben des Einzelnen in seinen wichtigsten Einschnitten. Unausgesprochen damit verbunden war eine stille Nachbarschaftshilfe im Austausch von Lebensmitteln und Arbeitsleistung.

Kam ein Kind zur Welt, gingen die Verwandten und engsten Nachbarn "Poppn bussn", mit einer Tasche voll Lebensmittel, das Wichtigste, ein Weißbrotwecken für die Wöchnerin.

Erstkommunion und Firmung waren für die jeweiligen Familien, besonders aber für die betroffenen Kinder, oft unvergeßliche Ereignisse. Allein schon neu eingekleidet zu werden, war in der damaligen Zeit für manche Eltern ein Problem, für die Kinder Wunscherfüllung. Die Patengeschenke waren sehr bescheiden, das höchste der Gefühle für einen Buben die Firmungsuhr.

Auch heute stehen Erstkommunion und Firmung im Mittelpunkt des Dorfes. Die Musikkapelle holt die Kinder beim Widum ab und führt sie zur Kirche. Der Aufwand ist im Vergleich zu früher wesentlich höher geworden.

Brautwerbung und Hochzeit

Auch die Brautwerbung war durch Brauch geregelt. Bei der Brautwahl ging es neben dem Charme, der Schönheit und dem Elternhaus auch um den Besitz. "Hoamatlas-Jandlan" (Mädchen, die einen Hof erbten - nach den großen Kriegen war das nicht selten) waren entsprechend begehrt. Der nächtliche Besuch beim Kammerfenster, "das Gasslegian" war für die jungen Männer Abenteuer, Brautwerbung und oft auch harte Auseinandersetzung mit "de Oan".

War man in stillen Nächten oder beim Heimweg vom Tanz heiratseinig geworden, gab es einen guten Brauch. Das "Hoamatlas-Jandle" ging zu den Eltern des Erwählten und hielt in aller Form um die Hand des "Bübn" an. Ein Hoferbe hatte es da leichter. Er besuchte die kommenden Schwiegereltern und fragte um die Hand der Tochter. Daß bei mancher Heirat mehr der Hof als der Mensch "in Besitz genommen" wurde, liegt auf der Hand. Hier befand man sich in guter Gesellschaft mit dem Erzhaus - "tu felix Austria nube" (Du glückliches Österreich heirate).

Auch die Hochzeit (Hössat) hat gegenüber früher kaum an Bedeutung verloren. Selbst wenn der alte Spruch "heiraten tema lei oamal" auch in Virgen nicht mehr für alle gilt.

Die alten Heiratsbräuche sind zu einem Teil wieder aufgenommen worden und "a grösse Hössat" ist immer noch ein Ereignis in der Gemeinde. Früher wurde das Heiraten an drei Sonntagen in der Kirche verkündet. Das Brautpaar ging in dieser Zeit auswärts in die Kirche. Kam die Nachricht überraschend von der Kanzel, gab es natürlich großes Geschwätz und viele Gerede in den Kirchenbänken.

Das Brautpaar machte dann Verwandtenbesuche, lud zur Hochzeit und bekam dabei ein kleines Geldgeschenk. Im Haus der Braut war viel Aufregung in den Tagen vor dem Ereignis. Die Verwandten kamen mit ihren "Fohetzn", besonders gebackenes, großlaibiges Brot, und hatten auch Butter, Speck, Zucker, Kaffee, je nach eigenem Wohlstand, in der Tasche. Die Besucher bekamen als Gegengeschenk "Hössatkrapfen", kleine roggene schian aufgegangene Krapfln".

Inzwischen wurde der "Brautschatz" im Brautkasten zur Schau gestellt. Er bestand zur Hauptsache aus Wäsche für die zu gründende Familie, aus Kleidern und Andenken, die man geerbt oder auf Wallfahrten selbst erstanden hatte. Bevor es in den Bauernhöfen Kästen gab, waren es Truhen, vollgefüllt mit dem Brautgut.

Ein wesentlicher Teil der Hochzeit war das "Truche fiagn", auf einem geschmückten Leiterwagen von Rössern mit glänzendem Zaumzeug gezogen. Sechs ausgewählte Burschen aus der Verwandtschaft, möglichst fesche, gute Jodler und Tänzer, begleiteten das Fuhrwerk, an das sich gerne junges Volk anschloß. Auf den Hüten Straußenfedern, in der Rocktasche Selbstgebrannten und in der Hand die Zügel, von "Juchezern" begleitet, ging der Weg durch Flur und Dorf. "Klausen" unterbrachen jäh den fröhlichen Zug, ein Strick über die Straße gespannt und eine Gruppe von Freunden und Nachbarn, von denen einer auch die Reime vortrug.

Im neuen Heim der Braut, häufiger wohl im Gasthaus, war dann die "Obendhössat", der Höhepunkt der allgemeinen Geselligkeit. Da wurde getanzt, gelacht und zwischendurch die Braut gestohlen, die dann vom Brautführer gesucht und oft durch eine saftige Gasthausrechnung ausgelöst werden mußte. Auch die Trauung am nächsten Tag, die früher meist in der Dorfkirche oder in Obermauern stattfand, hatte festlichen Charakter und guten Besuch.

Neben den sogenannten großen Hochzeiten gab es auch bescheidene und ganz stille. Unvergessen blieb den Virgern ein Bauer von Berg, der sich um sechs Uhr in der Früh trauen ließ, um nachher, wie gewohnt, in seinen Stall zu gehen.

Als Außenstehender merkte man kaum, ob eine Liebesheirat oder eine Zweckehe hinter der dann meist gelungenen Großfamilie stand. Wie es im Dorf nicht üblich war, mit einer Freundin, ja sogar mit einer Verlobten, öffentlich beisammenzusein, an ein "Bussn" gar nicht zu denken, so waren auch die Ehepartner mit Zärtlichkeiten ausgesprochen zurückhaltend. Dies sogar gegenüber den eigenen Kindern, die später dem Beispiel der Eltern folgten.

Über das Liebesleben unserer Altvordern schweigt die Chronik. Den Kinderreichtum kann man sicher nicht mit Liebesglück gleichsetzen. 7 bis 10 Kinder waren der Normalfall. Den größten Kindersegen hatte die Valter Bäuerin mit 22 geborenen Kindern.

Die Belastungen der Bäuerin wurden doch häufig durch die Mithilfe lediger Angehöriger auf dem Hof erleichtert. Das Verhalten der Männer entsprach nicht den heutigen Vorstellungen von Partnerschaft in der Familie. Natürlich gab es auch "regierende" Bäuerinnen, nach deren Pfeife der Bauer und die Hausleute tanzen mußten.

In der Elternschlafkammer waren meist noch zwei Kinder in Obhut, ein Säugling und ein schon gehfähiger Windelnässer. Dazu eine kleine Episode: Die Marne ist nicht gut beisammen und das Kleine neben ihr ist wieder einmal richtig lästig. Die Mame gibt ihm "a Flaschl" und den "Luller", aber die Nachtruhe ist nicht herzustellen. Auf einmal schreit auch der Dreijährige in der Steige im anderen Kammereck, daß sogar der gut schlafende Vater aufwacht. Die Frau, in ihrer Müdigkeit, sagt zu ihm: "Geh Täte, sei doch so gut und schau Du einmal zum Hänsele!" Der Mann dreht sich auf die Seite und meint: "Mame, geh lei Du und denk Dir, alles Gott zuliebe."

Die hohe Geburtenzahl und die schlechten hygienischen Verhältnisse bedingten eine hohe Kindersterblichkeit. Für eine Vielkindfamilie war das sicher ein Schmerz, aber kein Unglück im heutigen Sinn. "Wir haben wieder ein Engele im Himmel", war ein gängiger Trostspruch.

Am Rande des Dorfes

Das Brauchtum im Dorf hat auch eine soziale Seite. Es gehört auch heute noch zur guten Nachbarschaft. Nicht nur, daß man in einer akuten Notlage hilft, sondern auch bei größeren Vorhaben, wie zum Beispiel Um- oder Neubau eines Hauses, einige Schichten leistet. Besondere Anforderungen stellt die Mithilfe bei der Langzeitpflege von Kranken und älteren Leuten. Auch der Austausch von Lebensmitteln und der Verleih von Arbeitsgeräten war bei uns Brauch, erzählt eine Altbäuerin.

In einer Gemeinde, so auch in Virgen, gab es auch Armut und echte Not. Dies betraf Leute, die meist durch Unglück ihr kleines "Sachle" verloren hatten oder als Dienstboten kein Ausgedinge auf einem Hof bekamen. Die Gemeinde war zwar verpflichtet, für mittellose Bürger zu sorgen, aber "af de Gemeinde kern", wie dies hieß, galt als Schande. So fristeten manche, unter einem Dach gelitten, ein trostloses Dasein. Munterer lebten einige Frauen im "Botnhäusl", das die Gemeinde unterhielt. Sie waren ein wenig handwerklich tätig und hatten ihre "Schutzengel". Es waren Bäuerinnen, die, nicht selten vom Bauern unbemerkt, einige Lebensmittel in ihre Tasche verstauten und unterwegs gegen ein "Vergeltsgott" verschenkten.

Vereinzelt lebten Männer als "Umagiana". Sie wechselten ihren Aufenthalt auf hilfsbereiten Höfen, meist im Wochenrhythmus.

Neben der Not am Lebensnotwendigen gab es, oft viel bitterer, die dörfliche Ausgrenzung. Sie betraf vor allem ledige Mütter und ihre "ausgestifteten" Kinder. Ebenso wirtschaftlich "Abgehauste", die wenigen, die nicht mehr in die Kirche gingen oder sich politisch zu den "Roten" bekannten. Kaum mehr in die Dorfgemeinschaft aufgenommen wurden gerichtlich Vorbestrafte nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis. Im Umgang mit den so Gezeichneten gab es eine erschreckende Intoleranz mit allen Formen persönlicher Mißachtung.

Es ist schwer, jene geschlossene Dorfgemeinschaft der heute offenen gegenüberzustellen. Man war damals religiöser, zufriedener, des eigenen Lebens sicherer. Aus heutiger Sicht aber war die dörfliche Gesellschaft in vielem unmenschlicher.

Quelle: Virgen im Nationalpark Hohe Tauern, Louis Oberwalder, Innsbruck 1999, S. 188