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DIE EROBERUNG VON KUFSTEIN

Im Jahre 1504 führte Kaiser Maximilian einen starken Heerhaufen von Innsbruck gegen Kufstein, um die gewaltige Feste zu erobern, die von dem tapferen bayrischen Feldhauptmann Hans von Pienzenau verteidigt wurde. Grimmig donnerten die Geschütze der Belagerer gegen die Burg, aber die meterdicken Mauern der Feste trotzten aller Gewalt. Die Wirkung der Geschosse war so gering, daß die Verteidiger hohnlachend den Mörtelstaub mit dem Besen von den Wällen kehrten. Aber der Kaiser ließ nicht locker. Erzürnt beschloß er, stärkeres Geschütz auffahren zu lassen, und befahl, seine zwei größten Feldschlangen, den "Purlepaus" und den "Weckauf" vom Innsbrucker Zeughaus heranzuholen. Auf einem mächtigen Floß wurden die beiden Ungetüme den Inn abwärts geführt und vor Kufstein aufgestellt.

Saharasturm über Kufstein, Tirol © Karin Lutz, www.pixelbrain.at

Blick auf die Festung Kufstein
Aufnahme eines seltenen meteorologischen Phänomens am 21. Februar 2004 von Karin Lutz
roter Sahara-Sand färbt bei Südwind den Himmel über Kufstein
© Karin Lutz, www.pixelbrain.at

Nun wehte alsbald ein anderer Wind um die Mauern der Festung. Die beiden Kanonen warfen so gewaltige steinerne Kugeln gegen die Befestigungswerke, daß nicht nur der Mörtelstaub flog, sondern auch die dicken Mauern durchstoßen wurden und sogar der Felsen zu wanken begann. Hans von Pienzenau erkannte, daß die Burg nicht zu halten sei, und bot gegen Zusicherung des freien Abzugs die Übergabe an. Aber der Kaiser, ergrimmt durch den langen Widerstand der Besatzung, lehnte jede Bedingung ab und nahm den Pienzenauer mit seinen Mannen bei einem Ausfall aus der zertrümmerten Festung gefangen.

Den tapferen Verteidiger der Burg und seine Getreuen erwartete der Tod durch Henkershand. Der Unmut des Kaisers war so groß, daß er keine Schonung gewähren wollte, ja sogar schwor, er werde jedem eine Maulschelle geben, der etwa um Gnade für einen der Verurteilten bitten sollte. Gleichmütig trat Hans von Pienzenau seinen letzten Gang an und beugte mutig sein Haupt unter dem Schwert des Henkers. Siebzehn seiner Getreuen folgten ihm in den Tod.

Nun aber meinte der Herzog Erich von Braunschweig, der Gerechtigkeit sei vollauf Genüge getan, und bat den Kaiser mit gebeugtem Knie um Gnade für die übrigen Mannen des Pienzenauers. Kaiser Max gewährte die Bitte des befreundeten Fürsten, gab ihm aber getreu seinem Schwur einen leichten Streich auf die Wange.

Ein Bildstock am linken Innufer bei Zell bezeichnet noch heute die Stelle, wo an Hans von Pienzenau und den Seinen das harte Urteil vollstreckt wurde.

Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 278