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Walchsee-Sage. 1)

Von Paul Greußing

Unhörbar auf tiefem Wasser
Gleitet hin der Fischerkahn,
Hell bestrahlt vom Mondesglanze
Langsam seine feuchte Bahn!

Bleiche Wasserrosen bringen
stumm den Gruß der Sternennacht.
Aufrecht steht der Bursch im Schiffe,
Staunt — und schaut die Märchenpracht.

Und er sieht auf schwanken Wellen
Eines Kerzleins Helles Licht,
Hoch von zarter Hand getragen!
Ein Gebet der Fischer spricht.

Und  das  Schilfrohr flüstert klagend
In den Wind ein traurig "Ach!"
Leise säuselt’s durch die Lüfte
Alte Zeiten werden wach!

"Steig nur nieder in die Fluten,
Liebbetörtes Menschenkind  —
Treue blüht dir oben nimmer!"
Also wimmert bang der Wind!

Auch des Sees Lilien nicken
Weinend, sich einander zu:
"Hat die Maid noch nie gefunden 
im Grund ersehnte Ruh?"

Doch der Fährmann stoßt ans Uier.
Schaut noch einmal scheu zum  See!
All' die Wellen rauschen deutlich:
"Bin verlassen! Weh! o Weh!"

1) Diese Sage erzählt von einem betrogenen Mädchen, das in den Fluten des Walchsees samt ihrer Leibesfrucht den Tod suchte und fand. Sie haltet nächtlicherweile eine brennende Kerze über die Wellen.

Quelle: Sagen aus dem Kaisergebirge, Anton Karg, Kufstein 1926, S. 24
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Leni Wallner, Mai 2006.
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