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Der Zigeunerbub

Einst kam ein Trupp Zigeuner in die Gegend von Mutters und verlor dort einen sechsjährigen Buben. Als alles Suchen nach seinen Eltern vergeblich war, wanderte er traurig gegen die Mutterer Alpe hinauf und setzte sich auf einem Stein ein kleines Stück oberhalb der Alphütten nieder. Plötzlich kam ein schwarzer Lötter daher, packte den Buben und fuhr mit ihm trotz seines mörderischen Geschreies durch die Luft davon. Er wandte sich gegen das Oberinntal, wo man ihm mit dem Buben in mehreren Dörfern hoch oben daherschießen sah. Zuletzt hat man ihn von Oberperfuß aus beobachtet. Am Höllentore angelangt, setzte der Teufel den Buben nieder und machte ihn zum Torwartl. Nach Ablauf seiner Dienstzeit trieb er sich bald da, bald dort in Tirol herum und lebte vom Schmuggeln, Wildern und anderem ähnlichen Erwerbe, wobei es ihm trefflich zustatten kam, daß er beim Teufel am Höllentor etwas mehr gelernt hatte, als Birnen sieden und die Stengel nicht naß machen.

Einst wurde er bei einem Schmuggel in der Scharnitz von zwei Finanzern aufgegriffen. Als sie auf seiner Eskortierung an einem Wirtshause vorbeikamen, erklärte der Zigeuner, vor Ermüdung nicht mehr weiterzukommen, ohne daß er hier eine Erfrischung zu sich nehmen dürfe. Die Finanzer taten ihm den Willen und kehrten ein, zwangen ihn aber in der Mitte zwischen ihnen Platz zu nehmen. Nach einer Weile setzte sich eine Fliege auf den Bierkrug des einen der beiden Finanzer und der Zigeuner war verschwunden. Ob der Zigeuner durch diese Fliege die Macht bekommen hatte zu verschwinden oder ob er sich selbst in die Fliege verwandelt hatte, bleibe dahingestellt.

Ein anderes Mal ritt er auf einem Schimmel durch das Dorf Zirl. Da paßte ihm aber der Pfarrer auf, stellte und bannte ihn und nahm ihm alle Zauberbücher und Schriften ab. Da wars nun freilich ein für allemal aus mit seiner schwarzen Kunst.

Quelle: Der Zigeunerbub, Dörler, Tiroler Teufelsglaube, ZfVk. 9, 1899, 371 zit. nach Will-Erich Peuckert, Ostalpensagen, Berlin 1963, Nr. 112, S. 68