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DIE SCHÖNE FRAU

Zwei Mädchen aus St. Anton (Montavon) giengen vor vielen Jahren in den nahen Föhrenwald, um Erdbeeren zu suchen. Beim Pflücken dieser schmackhaften Beeren hatten sie sich allmählich in dem großen Revier so weit voneinander entfernt, dass sie sich gar nicht mehr fanden. Da begegnete dem einen eine schöne, hehre Frauengestalt und lud es freundlichst ein, ihr auf die Höhe zu folgen; dort würde es viel schönes sehen und auch zum Geschenke bekommen. Hierauf gieng sie rasch voran, und das Mädchen eilte ihr nach. Bald darauf blickte sie nach demselben um, ob es ihr wohl nachfolgte. Da bemerkte das Mädchen, dass die anfänglich so schöne und liebenswürdige Frau recht hässlich geworden sei, so dass es gar keinen Gefallen mehr an ihr fand. Die Frau stieg wieder die steile, holperige Halde hinan und das Mädchen ihr nach. Sodann drehte sie sich abermals um und blickte nach dem Mädchen. Jetzt erschien sie diesem geradezu abscheulich, so dass es ein gewaltiges Grauen überkam und es erschrocken zurücklief. Während dasselbe die Halde hinabeilte, hörte es die Frau unaufhörlich jammern und weinen, dass es, bereits so nahe am Ziele, wo es sie hätte erlösen können, sie noch im Stiche gelassen habe.


Quelle: Sagen aus dem Paznaun und dessen Nachbarschaft, Gesammelt und herausgegeben von Christian Hauser, Innsbruck 1894, Nr. 83, Seite 113