Der "Beißwurm"

"Als ich an den untersten Wiesenhängen auf einem Haufen zusammengelesener Steine saß, kroch, von der warmen Mittagssonne hervorgelockt, eine dunkelbraune Schlange dicht neben mir heraus und erging sich auf dem dunstenden Grasteppich zwischen der Arnika und behaarten Glockenblume. Mich erblickend, entfloh sie nach einem anderen Steinhaufen, wurde aber mit dem Stocke getötet, bevor sie ihn erreichte. Der Wirt behauptet, es sei schon Vieh an den Folgen ihres Bisses gestorben." (Weilenmann)

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Ohne die "Beißwürmer" wäre Galtür nicht Galtür gewesen, und Zeinis nicht Zeinis. Mit den Erzählungen der alten Hirten, wie z. B. "Luzis Lorenz", sie hätten vor langen Jahren für jeden Kopf einer erschlagenen Kreuzotter eine Krone erhalten und so mit den "Würmern" zum Alm-Lohn noch ein nettes Sümmchen dazuverdient, und den Märchen und Schauergeschichten, die mein Bruder Helmut auf Zeinis erlebt haben will, könnte man hausieren gehen. Jedenfalls gilt aber der Grundsatz bis heute - ein "Beißwurm" gehört "darschlaga" (= "erschlagen")!

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Ella, eine Zeiniswirt-Tochter und Angelika trafen auf so ein Reptil, als sie beim "Beerna"
(= "Moosbeerpflücken") oder beim "Grantna" (="Preiselbeerpflücken") fast auf eines getreten wären. Ella, an solche Zwischenfälle eher gewöhnt als Angelika, tritt der Schlange beherzt auf den Kopf und fixiert sie mit ihrem Schuh am Boden und schickt Angelika, einen Stein zu suchen, um, wie es sich gehört, der Schlange das Haupt zu zerschmettern. Diese bringt die tödliche Waffe, wirft den Stein, nachdem Ella den Fuß gelockert hat, um den Schlangenkopf seinem tödlichen Schicksal zu überantworten, die Schlange nützt ihre Chance und entweicht zischend ins Gras und verschwindet unter einem Stein.

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Kreuzottern bringen lebende Junge zur Welt, haben wir gelernt, was Schlangen sonst scheinbar nicht tun. Ihre Jungen sehen ganz harmlos aus, tragen aber schon das Gift der Kreuzottern in sich. Auf Zeinis hat man es erzählt, auch mein Papa berichtete davon, dass sich ein deutscher Gast, der die Gefährlichkeit der winzigen Reptilien nicht einsehen wollte, ihre Harmlosigkeit zu erweisen, von jungen Schlangen absichtlich beißen ließ, sogar in die Lippen. Dieser Tourist sei dann zu Hause gestorben, was für die Galtürer auch nicht weiter verwunderlich war.

Quelle: 80 Jahre im Paznaun, Dr. Walter Köck, Landeck 2003, S. 110f.