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DAS BERGMÄNNLEIN AUF DER NORDKETTE

Die gewaltige Felsenmauer, welche das Landschaftsbild Innsbrucks gegen Norden abschließt, der erste der vier Gebirgszüge des Karwendels, die sogenannte Nordkette, ist reich an Sagen von Bergmännlein, Kasermandln, Nörggelen und Almbutzen.

Bergfeuer auf der Nordkette, 22.Juni 2002
© Wolfgang Morscher

Da hauste einst auf der Umbrückler Alm ein meeraltes Mandl, das Kindern und guten Leuten gegenüber recht zutraulich und freundlich war, das aber arg bös werden konnte, wenn man es neckte. Einmal schickte eine arme Frau aus der Höttinger Au ihre beiden Kinder in den Wald oberhalb des Dorfes, um Holz zu klauben. Es war schon Spätherbst, und die Kinder vertieften sich so in ihre Arbeit, daß sie kaum merkten, wie es zu schneien begann und sich die Dämmerung über das Land senkte. Immer dichter fielen die Flocken, immer finsterer wurde es; die armen Kinder fanden nicht mehr den Heimweg und wußten sich im unheimlichen Wald nicht zu helfen. Endlich gelangten sie nach langem Umherirren auf die Umbrückler Alm und suchten dort in der Sennhütte Unterkunft vor dem bösen Wetter. Zu ihrer Verwunderung trafen die Kinder in der Hütte ein kleines Männlein, das ihnen freundlich zusprach, sie einlud, sich am Feuer zu wärmen, und ihnen ein schmackhaftes Rahmmus kochte. Als die Kinder baten, das Männlein möge ihnen den Heimweg zeigen, warnte der gute Geist die Kinder, bei diesem Wetter noch ins Tal zu steigen, sie mögen sich nur im Heu ein warmes Bettlein machen und ruhig schlafen, morgen werde er sie dann gerne ein Stück des Weges geleiten.

Die müden Kinder ließen sich das nicht zweimal sagen, verrichteten ihr Nachtgebet und schliefen auf dem Heulager bald ein. Als sie erwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel, ein herrlicher, linder Tag wie im Frühling blaute, so daß die Kinder nach einem guten Frühstück an der Hand des Männleins frohgemut den Heimweg antraten. An der Waldgrenze verabschiedete sich das Mandl von den beiden Kindern und gab ihnen noch einen großen Laib Weißbrot mit auf den Weg.

Als die Kinder endlich wieder ins Vaterhaus kamen, da erschrak die Mutter, wie wenn sie Geister sähe. Denn seit dem Weggang der Kinder vom Haus waren Herbst und Winter vergangen; die Kleinen wußten gar nicht, daß sie in der Hütte auf der Umbrückler Alm die ganze lange Zeit wohlbehütet geschlafen hatten.

Um so größer waren das Glück und die Freude der Mutter über ihre wiedergefundenen Kinder, die noch oft an das Männlein droben auf der Alm dachten. Denn der Laib Brot, den sie mitbekommen, nahm kein Ende, mochte man noch so oft ein Stück davon abschneiden. Erst als das Mädchen einmal voll Bewunderung ausrief: "Ja, wird das Brot denn gar nie kleiner?", da war es wirklich bald aus mit dem wunderbaren Laib.


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Wie der Umbrückler Butz höhnenden Spott vergilt, das zeigt eine andere Geschichte. Drei Höttinger Jäger kehrten einmal in der Almhütte zu und vertrieben sidi die Zeit mit allerhand derbem Spaß. So schnitzte einer aus einem großen Holzscheit eine Puppe, die den Almbutz vorstellen sollte, bekleidete sie mit ein paar Lumpen, setzte ihr ein Hütlein auf und steckte ihr Speck in die Mundöffnung. Zwei von den Jägern vergnügten sich an diesem frevelhaften Spiel, nur der jüngste tat nicht mit.

Als nun die Burschen spät nachts der Puppe gar noch die Schnapsflasche an den Mund setzten, damit sie ihnen Bescheid trinke, ertönte vor der Hütte ein gellender Pfiff. Die Tür flog auf, und der wirkliche Almbutz schritt in Gestalt eines riesengroßen Mannes herein. Wohl warfen die erschrockenen Jäger die Puppe sofort ins Feuer, aber die Rache des Butz ereilte sie trotzdem. Der jüngste erhielt nur eine gewaltige Ohrfeige, der zweite bekam einen Hieb auf das Bein, daß er zeitlebens krumm blieb, und dem ärgsten Spötter, der die Puppe geschnitzt und verhöhnt hatte, riß der wütende Butz den Kopf vom Leib und spießte ihn zur Warnung auf das Hüttendach.


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Auf dem Hohen Anlaß, einem Berg bei Hall, lag einst ein junger Geißhirt aus Thaur und sonnte sich behaglich. Da stieg mühsam ein ganz kleines Mandl, in altertümliche, schwarzsamtene Tracht mit eigenartigen Schnallenschuhen gekleidet, den Berg empor und fragte das Büblein, wo denn der Hohe Anlaß sei. Auf die Antwort des Hirten, daß es eben dieser Berg sei, legte das Männlein sein Felleisen ab, trocknete sich den perlenden Schweiß von der Stirn und begann mit seinem Bergspiegel den Boden zu untersuchen. Bald schien es das Rechte gefunden zu haben, schnitt ein Rasenstück heraus und formte aus der feuchten Erde dreizehn kleine Kugeln. Zwölf Kugeln schob der Zwerg in seine Tasche, die dreizehnte schenkte er dem Hirten.

Eines Tages erzählte der Thaurer einem Bergmann seine Begegnung mit dem Männlein und holte die Kugel hervor. Siehe, da war aus der feuchten Erde ein Goldklumpen geworden, welchen das Haller Münzamt dem überraschten Hirten gegen eine große Summe einlöste, so daß sich der Bursche ein schönes Bauerngut kaufen konnte. So oft er aber auch später auf den Hohen Anlaß stieg, um den Platz zu suchen, aus dem das Zwerglein die Golderde gestochen, nie wieder fand er jene geheimnisvolle Stelle.


Quelle: Die schönsten Tiroler Sagen, Karl Paulin, Innsbruck 1972, S. 5