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DER WEIßE SCHINDWURM

Schindwürmer oder Beißwürmer sind giftige Nattern oder Kreuzottern, die in Almgegenden recht oft auftreten. In Rofen wußten sich einst die Leute fast nicht mehr zu helfen vor lauter solch giftigem Gewürm. Im Keller, im Hause sah man sie, im Stalle sogen sie sogar den Kühen die Milch aus dem Euter. Die Dirnen getrauten sich gar nicht aufs Feld zu gehen, weil es in den Wassergräben und im Gras überall solche Würmer gab. Schon manche hatte einen giftigen Biß erhalten. Die Knechte rückten wohl mit Knütteln und Stöcken aus, aber es half nicht viel; hatten sie 10 erschlagen, kamen 20 andere. Wie gesagt, die Rofener wußten sich keinen Rat mehr gegen die Plage. Da kam einmal übers Joch her ein Mandl. Die Rofner klagten ihm ihr Anliegen. „Ja", sagte der Fremde, „ich kann sie schon vernichten, wenn kein weißer Schindwurm dabei ist". „Nein, nein" log der Bauer, „weißen haben wir nie einen gesehen". Er versprach dem Fremden viel, viel zum Lohne, wenn er Rofen von dieser Plage befreie. Der Schlangentöter ging am nächsten Morgen eine halbe Stunde weiter durchs Tal hinein, schichtete dort einen großen Haufen Holz auf und zündete ihn an. Er aber stellte sich daneben auf einen großen Steinblock hinauf, in die eine Hand nahm er sein Zauberbüchlein, in die andere seinen Zauberstab. Nun fing er an die Schlangen zu beschwören nach allen Windrichtungen. Dann zog er sein Pfeifchen aus der Tasche und pfiff. Da wurde es in allen Wiesen und Walen lebendig und eine Unzahl Beißwürmer eilte aufs Feuer zu und stürzte sich hinein. Ja, auch aus den Häusern und Ställen, aus der Falbe von der Zwerchwand herüber, aus dem Rofenberg heraus, ja auch aus dem Niedertale her kamen sie und alle liefen ins Feuer. Da tat es auf einmal aus dem Niedertal heraus einen grellen Pfiff. Zu Tode erschrocken, rief der Man: „Jetzt bin ich hin!" Und schon sauste der gefürchtete weiße Schindwurm mit einem grünen Kränzlein auf dem Kopf, der Schlangenkönig, im Fluge herbei und fuhr dem Zauberer wie glühendes Eisen mitten durch den Leib. Alle Beißwürmer, aber auch der Banner waren tot.

Falkner, Christian, Sagen aus dem Ötztal, in: Ötztaler Buch (= Schlern-Schriften 229), Innsbruck 1963, S. 123
aus: Sagen und Geschichten aus den Ötztaler Alpen, Ötztal-Archiv, Innsbruck 1997