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DIE NIEDERJÖCHLER

Von Vent durchs Niedertal übers Niederjoch nach „Unser Liebe Frau" im Schnalstal war in alten Zeiten viel Verkehr, hinüber und herüber. Auch heute noch werden jährlich an die 2000 Schafe über den Jochferner getrieben, um in den Almen des Niedertales fett zu werden. Dienstleute für Vent und Rofen werden drüben im Schnalser-tal gedungen, nicht selten sind auch Heiraten zwischen drüben und hüben zustandegekommen. Doch das Niederjoch ist ein gefürch-teter Übergang. Die dichten Nebel, die plötzlichen Wetter, die da oben auftreten, haben schon manchen das Heimgehen sauer gemacht. Doch auf dem Niederjoch hausen hilfreiche Wesen, Nörggelen oder auch „Niederjöchler" genannt. Am Niederjoch steht ein Marterl. Dort geschah es, daß einst ein Hirt vom Unwetter überrascht, von Müdigkeit übermannt nicht mehr weiter konnte. Er setzte sich todmüde auf eine Steinplatte und wäre wohl eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht, wenn nicht auf einmal zwei Niederjöchler ihn gerüttelt und geschüttelt hätten, daß er aufwachte. Sie zogen den Halberstarrten auf und schleppten ihn über den Ferner bis zum Abstieg ins Schnals. Nun war der Hirte wieder munter und schritt rüstig seinen Weg weiter. Dieser Hirt ist alt geworden, hat die Gutheit der Niederjöchler nie vergessen und hats oft erzählt und droben auf dem Joch das Marterl zum Dank gegen Gott aufgestellt.

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Doch die „Niederjöchler" sind nicht nur Helfer in der Not, sondern auch Rächer der Untreue. Da wird von einem Rofnerbauern in uralten Zeiten erzählt, er mußte übers Joch nach Schnals eine neue Magd dingen gehn, weil ihm die Oberdirn kurz vor der Heumahd gestorben war. Als der junge Bauer aufs Joch kam, wurde auf einmal schlecht Wetter, der Schneesturm heulte und der Weg war nicht mehr zu finden. Der Bursch fürchtete sich sehr und wollte schon umkehren. Auf einmal stand ein Eismandl mit langem, weißem Bart vor ihm und sagte: „Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du dein Wort halst; im Eis gibt es aber auch Rächer!" Der Himmel heiterte wieder auf, so daß der Rofener ungefährdet über den Ferner nach Schnals hinunterkam. Dort nahm er die Tochter eines Bekannten seines Vaters als neue Dirn auf. Er verliebte sich schon auf dem Heimwege in das arme, saubere Mädel. Droben auf dem Nieder jochferner gelobte er ihr Treue und Heirat. Doch wie's halt geht, nach dem Tode seines Vaters ging der junge Rofner nach Schnals zur Leiche laden und lernte dort eine reiche Bauerntochter kennen. Bald darauf heiratete er diese. Als die verlassene Braut dies hörte, schnürte sie ihr Bündel und wollte über den Niederjochferner in die Heimat gehen. Auf der Stelle, wo sie einst die schönsten Augenblicke ihres Lebens verbracht hatte, traf sie das neue Brautpaar. Sie machte dem Treulosen bittere Vorwürfe. Der aber entgegnete ihr höhnisch, ihm sei mit einer so armen Dirn nie Ernst gewesen. Auf diese sündhafte Rede hin fiel dichter Nebel ein, der Ferner öffnete sich und verschlang den Treulosen mit seinem jungen Weibe. So rächten die Eismandlen die Untreue. Die arme Magd aber kam bleich und blaß nach Schnals. Sie erlebte das nächste Frühjahr nicht mehr.

Falkner, Christian, Sagen aus dem Ötztal, in: Ötztaler Buch (= Schlern-Schriften 229), Innsbruck 1963, S. 122 f.
aus: Sagen und Geschichten aus den Ötztaler Alpen, Ötztal-Archiv, Innsbruck 1997